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Kulturpark Wiesbaden Beginner balancieren über alle Abgründe hinweg

Gangsterposen sind ihnen fremd: Beginner mit ein paar alten Freunden im Kulturpark Wiesbaden.

Eine Anekdote von früher, als alles begann: Hamburg, irgendwann Mitte der 90er Jahre, Eizi Eiz, Denyo und DJ Mad müssen damals gerade mal 18 gewesen sein. Sie hatten ihren ersten Plattenvertrag ergattert, bei Buback, einem Hamburger Label mit Hang zur Punkmusik und anderer Nischenkunst. Thorsten Seif, heute Geschäftsführer bei Buback, buchte die ersten Touren: „Ich ließ sie damals in linksalternativen Läden spielen. Nach einem Konzert nahm mich Jan Delay einmal zur Seite und meinte: ‚Ich schnall schon, wie du tickst, aber wir stehen auf andere Läden‘.“

Die Beginner wollten raus aus der Nische, rein ins Licht. 20 Jahre später klingt das so: „Digga, ich bin nicht allein hier / Ich hab’ meine Posse bei mir / Und es geht rampampam / Alle Lampen an!“. Und 8000 Hände gehen in Wiesbaden in die Höhe. Die Beginner sind Superstars einer Szene, deren Codes sie nur zum Teil bedienen. Alle Gangsterposen sind ihnen fremd, alles Homophobe, Frauenfeindliche, Schrille, Kontroverse. Es ist HipHop für die ganze Familie. Sehr schnell flirteten sie mit dem Pop, was ihnen einen ihrer größten Hits bescherte („Ihr wollt ein Liebeslied / Ihr kriegt ein liebes Lied / Ein Lied, das ihr liebt“), coverten Nena, was hart an der Grenze, aber auch ein Statement war („Irgendwie fängt irgendwann / Irgendwo die Zukunft an“). Für ihr zweites Album, ‚Bambule‘, das sich 250.000 Mal verkaufte, unterschrieben sie bei einem Majorlabel. Ausverkauf brüllten manche, den Beginnern war das egal.

Sie balancierten über alle Abgründe hinweg und verloren dabei doch nicht ihre Credibility, eine der wichtigsten Währungen des HipHop. Man weiß, dass ihr Herz links schlägt. Und auch wenn ihre Texte davon weitgehend unberührt bleiben, schwingt die Haltung doch mit. Oder wie es Denyo mal sagte: „FSK 0 und hat trotzdem Eier“. Wirklich politisch wird es nur einmal, als sie wie so oft auch in Wiesbaden einen alten, 1992 entstandenen Song von Advanced Chemistry singen. Er sei, sagen sie von der Bühne, heute aktueller denn je: „Ich hoffe die Radiosender lassen diese Platte spielen/ Denn ich bin kein Einzelfall, sondern einer von vielen / Nicht anerkannt, fremd im eigenen Land/ Kein Ausländer und doch ein Fremder“.

Ohnehin wissen die Beginner sehr genau, wo sie herkommen und wem sie etwas zu verdanken haben. Nach Advanced Chemistry, in den später 80er Jahren Wegbereiter für einen eigenständigen deutschsprachigen Rap, haben sie ihr großes Comeback-Album von 2016 benannt. In Wiesbaden sind neben ihrem Buddy Samy Deluxe noch die legendären, fast vergessenen Stieber Twins dabei, die von den Beginnern später ausgiebig gefeiert werden. Irgendwann kommt sogar ein kühler Wind auf und weht über den Kulturpark am Wiesbadener Schlachthof-Gelände, der fünfmal in diesem Sommer als imposante Open-Air-Bühne genutzt wird. Und man weiß: „Hast Du Interesse an Rap und fette Bässe / Die Beginner ist die richtige Adresse.“

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