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Komponist Vivier bei der Ruhr-Triennale Im Licht einer Bushaltestelle

Bis zu seiner Ermordung 1983 in Paris durch einen Strichjungen blieb der Komponist Claude Vivier auf der rastlosen Suche nach nie erfahrener Liebe und der eigenen Identität. Die Ruhr-Triennale ehrt ihn nun. Von Guido Fischer

10.09.2009 00:09

Der franko-kanadische Komponist Claude Vivier hat in seinen gerade 35 Lebensjahren alles versucht, um seiner Vergangenheit zu entfliehen. Er verkroch sich in die umklammernde Geborgenheit eines Priesterseminars. Er brach in den nahen und fernen Osten auf, und vor allem von der Musik erhoffte er sich Erlösung - weil in ihr, wie es Vivier einmal formuliert hatte, "Vergangenheit und Zukunft gleichwertig sind." Wenig gefruchtet haben diese Bemühungen, dem von Kindesbeinen an beschädigten Lebensschicksal eine neue Wendung zu geben. Bis zu seiner Ermordung 1983 in Paris durch einen Strichjungen blieb Vivier auf der rastlosen Suche nach nie erfahrener Liebe und der eigenen Identität.

Und weil der Stockhausen-Schüler sich schon zu Lebzeiten nicht in der zeitgenössischen Musikszene etablieren konnte, ist erheute weitgehend aus dem Blickfeld und Hörradius verschwunden. Als Initialzündung für eine Neubewertung seines kompositorischen Schaffens muss daher die Vivier-Hommage gelten, die bei der Ruhrtriennale, in der Maschinenhalle der Zeche Zweckel in Gladbeck, uraufgeführt wurde.

Für die musiktheatralische Annäherung "Sing für mich, Tod" hat Albert Ostermaier ein Libretto beigesteuert, das keine chronologisch erzählende Künstlerbiographie sein will. Ostermaiers Text fühlt vielmehr den Herzschlag des einsamen und gehetzten Umherirrenden und Träumers Vivier, offenbart mit wortgewaltiger Phantasie seine Erinnerungen und Sehnsüchte.

In der Inszenierung von David Herrmann ist Vivier kein Schubertschetr Wanderer, der sich an der Rinde eines Lindenbaums aufzuwärmen versucht. Es ist das fahle Neon-Licht einer Bushaltestelle, in die sich Viviers Schauspieler-Double Stefan Kurt zurückzieht, letzte Station seines Seelen- Martyriums, das Kurt in seinem Monolog bis in die letzte Faser, bis zur ausgemergelten Erschöpfung auslebt.

In seinen wenigen, dennoch stets unter Hochspannung stehenden Ruhepausen richtet die musikFabrik unter der Leitung von Christoph Poppen immer wieder exemplarisch den Fokus auf den Unruhezustand des Komponisten Vivier. Bühnenbilder Christof Hetzer hat dieses in allen musikantischen Waffengattungen beschlagene, reaktionsschnell agierende Neue-Musik-Ensemble in einen schwarzen Kunstkubus gesetzt, aus dem Viviers facettenreiche, keiner Schule und Mode gehorchenden Klänge herausdrängen. Zwischen Tonalität und Atonalität, sinnlichem Pathos und komprimierten Akkordballungen verschieben sich in den vier ausgewählten Werken aus den Jahren 1980 bis 1983 ständig Viviers musikalische Platten.

Mal konnte er auf Notenschiefertafeln Tongebilde ritzen, die an die urwüchsige Zeichenhaftigkeit Wolfgang Rihms erinnern. Dann wieder änderte Vivier die Richtung, etwa, wenn er exotische Folkloristik mit der prismenhaften Süffigkeit und glühenden Hymnik eines Olivier Messiaen kombinierte. Das in nur einem Jahrzehnt entstandene Werk war eine einzige Gratwanderung zwischen den Welten. Dennoch hat er sie mit einer Individualität bewältigt, die im Vergangenen das Zukünftige mitschwingen lässt.

www.ruhrtriennale.de

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