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Komponist Klaus Doldinger im Interview Die Sinfonie vorm Tatort

Zu seinen Werken gehören die Tatort-Erkennungsmelodie, die Musik zu "Das Boot" und zu Eichingers "Die unendliche Geschichte". Aber Klaus Doldinger spielt auch seit 40 Jahren in der Jazzband "Passport". Ein Gespräch zu seinem 75. Geburtstag.

11.05.2011 13:38
Der Jazzmusiker Klaus Doldinger mit seinem Saxofon. Er wird am 12. Mai 2011 75 Jahre alt Foto: dpa

Im Rahmen der Frankfurter Musikmesse haben Sie, anstatt einen Preis zu erhalten, einen vergeben. Es war ein Preis der Initiative Musik an den Berliner Jazzclub A-Trane. Der Preis gehört zu der Spielstättenförderung, wie sie die Initiative Musik betreibt. Was für eine Beziehung haben Sie zu Jazz-Clubs?

Ich bin froh, dass es in Deutschland so eine rege Club-Szene für den Jazz gibt. Außer dem A-Trane, der den Hauptpreis bekam, waren noch der Jazzclub Hannover und der Jazzclub Tonne in Dresden nominiert, die den zweiten und den dritten Preis bekamen.

Dass man nicht Musikern, sondern Spielstätten Preise verleiht, ist eine relativ neue Idee. Was halten sie davon?

Zunächst muss man ja sagen, dass Deutschland in Sachen Kulturförderung führend in der Welt ist. Die so genannte U-Musik und der Jazz, der zu ihren Ablegern gehört, haben davon bisher nicht viel gehabt, aber die Initiative Musik hat erkannt, wie wichtig es ist, auch diesen Teil der Kultur zu fördern. Ich finde, dass Jazzclubs ausgezeichnet werden, ist ein gutes Zeichen für die Zukunft. Die Club-Szene ist mit verantwortlich dafür, dass es in Deutschland heute so eine reichhaltige Jazz-Szene gibt. Ich habe großen Respekt vor Leuten, die unternehmerisch tätig sind und mit sehr wenig öffentlicher Förderung, wenn sie überhaupt je welche bekommen haben, so aktiv sind. Das sind einerseits Clubbetreiber, andererseits die Konzertveranstalter. Einige haben inzwischen ja zum Glück den einen oder anderen Sponsor an der Seite, aber auch in Sachen Sponsorship könnte viel mehr passieren. Ich denke gar nicht mal, dass sich potentielle Sponsoren prinzipiell verschließen, man muss die Sache nur angehen. Aber wenn man diese Unzufriedenheiten mal beiseite lässt, muss man sagen, dass die Musik-Szene im allgemeinen und die Jazz-Szene im besonderen in Deutschland einzigartig ist. Wir haben eine große Zahl von Spielorten, eine Koexistenz von großen, kleinen und mittleren, wir haben die vielen Clubs und obendrein noch die Festivals: Das ist, glaube ich, schon einzigartig in der Welt. Darum bin ich froh, dass es jetzt endlich einen Preis gibt, der diese Arbeit würdigt.

Ist das auch ein Blick in die eigene Vergangenheit?

Ja, schon, ich hatte ja das große Glück, in und mit dieser Musiklandschaft aufzuwachsen. Wir haben nach dem Krieg sehr klein angefangen, aber wir waren jung, es gab enormen Zuspruch und eine ganze Reihe von Jazz-Kultstätten in den größeren Städten. Das ist mit dem, was heute da ist, gar nicht vergleichbar. Wir haben in den Clubs sogar Live-Einspielungen gemacht. Mein erstes Album wurde 1963 live im Blue Note in Berlin aufgenommen und von Siggi Loch produziert. Ich habe die allerbesten Erinnerungen an die Club-Szene.

Inzwischen sind Ihre Alben aber in aller Regel Studioaufnahmen.

Natürlich. Es sind gerade zwei neue herausgekommen. Eines enthält Aufnahmen mit der Band „Passport“, das haben wir sozusagen live im Studio eingespielt, ohne große technische Tricks und Nachbearbeitung. Die andere ist das so genannte „Symphonic Project“, das orchestrale Kompositionen von mir enthält. Es ist nicht ganz leicht, zwei Alben gleichzeitig herauszubringen, aber Passport wird in diesem Jahr 40 Jahre alt, ich werde 75, das sind gute Aufhänger, da kann man das mal versuchen. Wir sind auch unterwegs und geben Konzerte mit beiden Projekten.

Ihr alter Freund Siggi Loch, der unter anderem das Jazz-Label Act betreibt, sieht die Zukunft der Tonträgerbranche nicht sehr rosig. Wie sieht das bei Ihnen aus: Verdienen Sie vielleicht sogar noch ein bisschen Geld mit Ihren Alben und werden Sie von Ihrem Plattenverlag anständig behandelt?

Ich habe nicht nur das Glück, dass meine Band Passport mit wechselnden Besetzungen seit 40 Jahren existiert, ich habe auch das Glück, dass ich seit 40 Jahren bei der gleichen Plattenfirma bin. Wenn die Firma einigermaßen mit der Zeit tickt, und das kann man bei Warner wohl voraussetzen, hat sie auch andere Vertriebswege gefunden. Wir leben natürlich in einer Zeit des Übergangs, andererseits glaube ich nach wie vor an ein Überleben der CD und sogar der LP. Selbst die alte Langspielplatte ist ja längst nicht verschwunden, mir ist das sehr willkommen, und ich kann das auch gut nachvollziehen. Darüber hinaus muss man Musik natürlich inzwischen online vertreiben und wohl damit leben, dass sie auch geklaut wird. Das lässt sich nicht wirklich effektiv verhindern. Ich sehe die Sache aber nicht so schwarz. Der Tonträgermarkt ist nicht am Ende und die entsprechende Industrie auch nicht. Es wird immer Menschen geben, deren Herz für die Musik schlägt, die aber aus verschiedenen Gründen nicht selbst Musiker werden und in anderen Funktionen mit Musik befasst sein wollen. Die entscheidende Frage ist: Wie überleben die Künstler? Da gibt es natürlich erhebliche Probleme, aber ich glaube, dass man Lösungen finden kann und wird. Letztlich denke ich auch, dass das Publikum begreifen muss, dass die Künstler von dem, was sie machen, leben müssen. Dazu, dass Autorenschaft eine bessere Bewertung erfährt, könnte sogar unser ehemaliger Verteidigungsminister zu Guttenberg beigetragen haben. Immerhin hat er der Öffentlichkeit den Wert des geistigen Eigentums nahe gebracht.

Seit wann konnten Sie von Ihrer Musik leben?

Eigentlich seit ich sie mache.

Keine Durststrecken, keine freiwillige Armut?

Natürlich habe ich anfangs sehr wenig verdient, aber die Ansprüche waren auch geringer. Außerdem habe ich schon 1960 geheiratet, meine Frau hat später als Fotomodell gearbeitet und war beruflich gut aufgestellt. So konnten wir eigentlich immer von dem leben, was wir verdient haben.

Keine große Veränderung durch das Schreiben von Filmmusik?

Nun, ich habe schon immer Musik geschrieben. Aber ich werde nie vergessen, wie ich meine erste Gema-Abrechnung erhielt. Das war ein erstaunliches Erlebnis, dass durch die Betätigung meiner Kreativität nun auch noch Geld auf den Tisch des Hauses kam.

Sie haben immer den Eindruck vermittelt, dass das Komponieren Ihnen eher leicht fiel.

Zu Anfang ist mir daran gar nichts leicht gefallen, ich habe mir nichts zugetraut. Aber eigentlich hat sich alles mehr oder weniger von allein ergeben. Die Leute kamen auf mich zu und fragten mich, man musste keine Schrauben drehen. Es gab so etwas wie die Gunst der Stunde. Es gab damals einfach nicht diese Menge von Leuten, die alle das gleiche machen wollten. Das ist heute kaum mehr nachvollziehbar, wo Hunderte von jungen Leuten mit guter Ausbildung am Start sind. Es gab ein paar Vertreter der älteren Generation, und es gab uns, die irgendwie aus der Jazz-Ecke kamen.

Es gab eine sinfonisch geprägte Filmmusik-Tradition, bevor Sie auf den Plan traten. Und dann begann Film- und Fernseh-Musik plötzlich anders zu klingen.

Ich hatte eben das Glück, in dieser Zeit des Umbruchs mit im Boot zu sitzen. Gut, „Das Boot“ kam etwas später. Ich hatte Passport gegründet mit der Absicht, etwas ins Leben zu rufen, was es bis dahin noch nicht gegeben hatte, und im Prinzip habe ich für die Filme nicht sehr viel anders geschrieben als für Passport. Übrigens habe ich auch gar nicht daran gedacht, dass Passport so lange überleben würde. Wir dachten gelegentlich damals schon, dass es bald vorbei sein würde mit den Jazzclubs. Dabei hatten wir sogar eher stabile Besetzungen. Andererseits gab es auch immer Leute bei uns, die nach einiger Zeit eigene Wege gehen wollten. Udo Lindenberg zum Beispiel hat eine Zeit lang bei Passport Schlagzeug gespielt. Aber die verschiedenen Passport-Besetzungen waren echte Pfeiler in meiner musikalischen Biografie. Die aktuelle Besetzung ist im Großen und Ganzen auch schon fast wieder seit 20 Jahren zusammen.

Ein erfülltes Musikerleben?

Ja, ganz ohne falschen Stolz und Selbstbeweihräucherung: Wenn man aus dieser harten Zeit kommt, also 1936 geboren ist, und dann heute in so einer Situation gelandet ist wie ich, ohne sich zu verbiegen, dann ist das schon ein großes Glück.

Ihr bekanntestes Werk ist der Tatort-Jingle: Täglich läuft in irgend einem dritten Programm ein Tatort, und die Sonntags-Tatorte sind in der deutschen Fernsehwelt eine ähnliche Konstante wie die Tagesschau. Diese Erkennungsmelodie macht Sie wahrscheinlich zu einem der meistgehörten deutschen Komponisten. Wann ist der entstanden?

Das war 1970. Ich hatte vorher schon einmal eine Erkennungsmelodie für die ARD geschrieben. Als das Tatort-Projekt im Westdeutschen Rundfunk geboren wurde, dachte man zunächst nur an eine zehnteilige Krimi-Serie, und man erinnerte sich an mich. Ich lebte damals in München, habe den Auftrag angenommen, das Stück geschrieben und aufgenommen. 1978 habe ich noch mal eine neue Aufnahme gemacht, die vielleicht etwas brillanter klingt, das war's. Die ältere Version kann man zum Beispiel noch in den frühen Kressin-Tatorten hören. Ich habe das Tatort-Stück inzwischen oft gespielt, wir spielen es durchaus auch auf unseren Tourneen, und für das neue Symphonic Project haben wir eine sinfonische Tatort-Version aufgenommen. Es gibt aber auch eine sehr gute Aufnahme mit einem Streichquartett. Ich bin nach wie vor ganz glücklich mit dem Stück, und wenn mich Leute fragen, ob ich's nicht langsam mal Leid bin, schüttele ich den Kopf: Mir gefällt es immer noch, in allen möglichen Versionen.

Interview: Hans-Jürgen Linke

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