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„Klassikkampf“ Ernsthaft offene Ohren für ernste Musik

Der Konzertagent Berthold Seliger legt ein höchst anregendes Buch zum „Klassikkampf“ vor.

Stadivari
Vorspiel auf einer Stradivari im Vorfeld einer Auktion. Foto: afp

Berthold Seliger stellt die Band Die Toten Hosen mit Blick auf ihre musikalische Substanz auf eine Ebene mit den Zillertaler Schürzenjägern. An einer emphatischen Deutlichkeit lässt er es nicht fehlen, gleich um welches Thema es gerade geht. Es geht um sehr viele Themen in diesem gleichwohl den Leser nie erschöpfenden Buch – dabei ist es letztlich auf eines fokussiert.

Der Band „Klassikkampf – Für die Wiederaneignung der ernsten Musik!“ zeichnet sich durch einen ungeheuer scharfen und umfassend panoramatischen Blick auf die hiesige Klassikszene aus, auf 453 stringent formulierten Seiten (plus Anmerkungen und Literaturliste). Seliger, Jahrgang 1960, ist Konzertagent in anderer Sache, zu seinen Künstlern gehören und gehörten Patti Smith, Lou Reed oder Lambchop. Auch das ist für ihn „ernste Musik“, doch das stellt er bloß am Rande klar.

Mit Leidenschaft und vom aufklärerischen Fortschrittsgedanken getragen, spricht er von einem Posterstar-Marketing in der „Klassik“: Die Musik gerate dadurch immer mehr in den Hintergrund; dazu komme der Sexismus der nackten Haut in der promo-ikonografischen Inszenierung junger weiblicher Klassikstars. Für den Abschluss eines Vertrags mit einer großen Plattenfirma sei das Aussehen inzwischen ein dominierendes Kriterium.

Anstelle einer „mutwilligen Banalisierung“ auch in den gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Sendern schlägt Seliger eingehende Interpretationsvergleiche vor, auch auf den Seiten der Zeitungsfeuilletons. Es sind die Ansätze einer „Demokratisierung“ des Musiklebens im Sinne der Wiener Arbeiter-Symphoniekonzerte zu Beginn des 20. Jahrhunderts, auf die er sich von einem kapitalismuskritischen Standpunkt aus beruft.

In seinem Plädoyer für eine tatsächliche Vielfalt jenseits der eurozentrisch geprägten Floskel von der Musik als universaler Sprache setzt sich Seliger für eine „Hörschulung“ auch an Tonsystemen außereuropäischer Kulturen ein. Ein Abschnitt gilt dem „Bildungsputsch“ durch ein staatlicherseits willfährig ermöglichtes „Engagement“ der Wirtschaft an den Hochschulen. An denen müsse es um Freiräume gehen, nicht um „Schliff für die kapitalistische Produktion“.

Als „role model“ für einen unabhängigen – auch von der Einflussnahme durch Sponsoren – und selbstbestimmten Künstler stellt Seliger Beethoven in den Mittelpunkt des beinahe schon ein zweites Buch bildenden finalen Teils. Er verweist auf den revolutionären Gehalt seiner Musik, den es unter der Kruste bürgerlicher Vereinnahmung freizulegen gelte. Seligers Projekt richtet sich auf eine neue Kultur im Zeichen einer gesellschaftlichen Emanzipation. So setzt er sich für die Wiederbelebung eines Studium generale ein, das Musikgeschichte und -gegenwart als obligatorisch etwa auch für Absolventen technischer Studiengänge umfasst – zur Herausbildung streitbarer Geister anstelle eines „Primats des Mehrwerts und der Nützlichkeit“.

Adorno, Benjamin, Greil Marcus und Hans Heinz Stuckenschmidt gehören zu Seligers zahlreichen Zeugen. In einer gut belegten Differenziertheit ruft er zu einer Opposition wider die vorgebliche „Alternativlosigkeit“ zur Markthörigkeit auf, davon ausgehend, dass Kunst und Literatur „immer im Kampf gegen etwas stehen“ (Peter Weiss). Eines solchen Buches hat es bedurft – es empfiehlt sich zur verpflichtenden Lektüre für jeden Kulturpolitiker.

 

Berthold Seliger: Klassikkampf –
Ernste Musik, Bildung und Kultur für
alle. Matthes & Seitz, Berlin 2017.
496 Seiten, 24 Euro.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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