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Kendrick Lamar Man ist doch immer wieder verblüfft

Der neue Superstar des HipHop tritt in der Festhalle in Frankfurt auf.

2017 MTV Video Music Awards – Arrivals – Inglewood, California
Kendrick Lamar, ein Freund von Konzertfotos, bei den MTV Video Music Awards 2017. Foto: rtr

Als Kendrick Lamar vor ein paar Wochen die Grammy-Verleihung eröffnete, war das ein pompös inszeniertes politisches Statement. Vor einer gigantischen Projektion wehender amerikanischer Fahnen und inmitten von als Soldaten verkleideten Tänzern performte er seinen Song „XXX“. Wuchtig und mit seltener Konsequenz, mit dieser so unfassbaren Präsenz und Dringlichkeit, die ihn zur neuen Lichtgestalt des amerikanischen HipHop gemacht haben. Fünf Grammys gewann er schließlich, darunter den für das beste Rap-Album, „Damn“, vor Migos, Tyler, the Creator und Jay-Z.

In Frankfurt ist die Bühne leergeräumt. Hier gibt es nur ihn. Keine Band, keine Co-Rapper, keine Tanzcrew. Auf ein paar wiederkehrenden Visuals erzählt er Kurzgeschichten von Kung Fu Kenny und der geheimnisvollen Black Turtle, was wie eine Reminiszenz an die Ästhetik und Inszenierung des Wu-Tang-Clan wirkt.

Lamar selbst trägt einen langen weißen, fransigen Mantel, von weitem wirkt wie eine Yoda-Gestalt oder wie ein völlig in sich ruhender, klarer, unbeirrbarer Samurai-Nachfahre, ganz so wie ihn Jim Jarmusch vor vielen Jahren in „Ghost Dog“ porträtierte: „Nach den Worten der Ahnen soll man seine Entscheidungen innerhalb von sieben Atemzügen treffen“, zitierte Jarmusch damals das Hagakure, den alten Ehrenkodex der Samurai: „Wichtig dabei ist, dass man die innere Entschlossenheit und Stärke besitzt, zur anderen Seite durchzubrechen.“

Das ist nicht die schlechteste Beschreibung der Kraft Kendrick Lamars, die weit über das Musikalische hinausgeht. In ihm bündeln sich die Spannungen eines tief zerrissenen Landes, dessen systematischer Rassismus – man muss sich nur an Ezra Edelmans fünfteiliges Epos „O. J. Simpson: Made in America“ erinnern, das im letzten Jahr den Oscar für den besten Dokumentarfilm gewann – die Gesellschaft nach wie vor prägt.

Rap, von Chuck D einst als das CNN der Schwarzen beschrieben, hatte seit je die Position, dieser Ungerechtigkeit wütend zu entgegnen. Aber lange schon gelang das nicht mehr auf diesem künstlerischen Niveau. Kendrick Lamars vorletztes Album „To Pimp A Butterfly“ etwa verwob so viele musikalische Traditionen des schwarzen Amerika zu einem neuen Hybriden, das einem schwindlig wurde vor Glück.

Es fängt wuchtig an. „DNA“, der Eröffnungstrack von „Damn“, dann bald der Überhit „King Kunta“ von „To Pimp A Butterfly“. Die Festhalle, die bei weitem nicht ausverkauft ist, folgt allem, was der Messias sagt. Lamar ist das leuchtende Epizentrum, immer in Bewegung und noch da, wo er nichts macht, von auratischer Kraft.

Aber nicht einmal er kann diesen Abend auf Dauer tragen. Denn außer ihm ist – nichts. Man kann die bestenfalls routinierten Projektionen, die nie eine eigene Bildsprache entwickeln und himmelweit hinter der Fulminanz von Lamars Musikvideos zurückbleiben, als konsequenten Minimalismus und Abkehr von alten Pop-Show-Reflexen feiern. Man kann sie aber auch unsagbar langweilig finden und darüber rätseln, was Drohnenaufnahmen von Brandungswellen und andere Getty-Images-Fundstücke heute noch zu sagen haben.

Am meisten aber muss man sich wundern, wie ein Mann, der Musik so liebt wie Kendrick Lamar, sich mit einem solchen jämmerlichen Sound zufrieden gibt. Man kennt das ja von so vielen großen Konzerten, aber ist doch immer wieder verblüfft: Nuancen haben keine Chance, alles ist ein Brei, ohne jede Tiefenschärfe. Das Sonderbare: Es wird im Laufe des Abends nicht besser, sondern schlechter. Da wirkt es dann fast wie eine Erlösung, als nach 1 Stunde 25 Minuten und nur einer Zugabe alles vorbei ist.

Tourdaten in Deutschland: 22. Februar, Köln. 5. März, Berlin.

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