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Kamasi Washington Kein Erneuerer - aber eine Wucht

Der Jazzsaxofonist Kamasi Washington beim Mainzer Summer in the City auf der Zitadelle.

Musikalische Größe: Kamasi Washington. Foto: SV PROMOTION

Um den Jazz muss es ganz schlimm stehen. Sonst bräuchte es ja nicht Kamasi Washington. Doch mal ganz in Ernst: Es gibt Jahr für Jahr eine Menge großartiger Jazzalben von fantastischen Musikern, die an einem musikalischen Fortschritt arbeiten. Aber das bewegt sich alles in einem Spezialistenmarkt. Und dann ist vor drei Jahren ER gekommen. Der aus Los Angeles stammende Tenorsaxofonist Kamasi Washington mit seinem Debüt-Dreieralbum „The Epic“. Viele sprachen vom „Retter des Jazz“. Auch jetzt wieder, nachdem sein zweites Album „Heaven and Earth“ herausgekommen ist.

Dem Jazz geht es gut, einen Retter braucht es nicht – aber Kamasi Washington braucht es durchaus. Er ist Teil einer neuen Jazzbewegung mit Draht zu einem Pop-Publikum. Ähnlich prominent gehört dazu der britische Tenorsaxofonist Shabaka Hutchings mit seinen Bands Shabaka and The Ancestors und Sons of Kemet. Die Hälfte des Publikums unter vierzig, wie jetzt beim Konzert Washingtons auf der Mainzer Zitadelle – wann hat man das zuletzt bei einem Jazzkonzert erlebt? Mit einem Mal ist Jazz wieder hip.

Es gibt einen wiedererkennbaren Kamasi-Washington-Sound. Das ist eine Qualität. Und auch auf „Heaven and Earth“ geht das wieder prächtig auf, selbst wenn die Musik auf diesem Konzept-Doppelalbum sehr ähnlich klingt wie schon auf „The Epic“. Freilich tun sich in drei Stunden Musik (die im Rücken der Hülle versteckte Bonus-CD mitgerechnet) durchaus gewisse Momente der Redundanz – nochmals und nochmals die kosmischen Chöre, wieder die sphärischen Streicher – auf. Aber große Musik ist das ohne Zweifel. Sie wirkt wie ein einziger mächtiger Fluss.

Als Saxofonist steht Washington John Coltrane nahe, mit der Rückbesinnung auf den spirituellen Ansatz knüpft er an Klassiker wie „A Love Supreme“ an; auch erinnern Geist und Klangbild an die „Universal Consciousness“ (Albumtitel) von Johns Ehefrau Alice Coltrane. Washingtons Debüt war im Übrigen bei Brainfeeder herausgekommen, dem Label des jazzaffinen Elektronik-Produzenten Flying Lotus.

Es ist eine umwerfende Band, mit der Washington nach Mainz gekommen ist. Ein Oktett mit seinem Vater Rickey an Sopransaxofon und Flöte; Ryan Porter, Posaune; Rusian Sirota an E-Piano und Synthesizer; dem famosen Wah-Wah-Kontrabassisten – in den Soli meist mit dem Bogen – Miles Mosley sowie zwei Schlagzeugern: Tony Austin und Ronald Bruner Jr.. Alles ist die pure kollektive Dynamik. Und es ist ungeheuer funky. In einer mitreißenden, aber keineswegs ranschmeißerischen Art. Priesterinnengleich richtet die Sängerin und Tänzerin Patrice Quinn ihre Arme immer wieder gen Himmel. Love, peace, nature, minds, music und hallelujah sind wichtige Vokabeln. Weltveränderung durch Spiritualität – und die revolutionäre Faust.

Im Grunde ist das völlig altmodisch. Ein Erneuerer ist Washington allenfalls im Sinne einer Rückbesinnung auf den Geist der 60er Jahre. Doch wie auch immer – alles ist eine Wucht, rundum.

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