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„Just Music“ Wiesbaden Mehrere Magnetfelder bei „Just Music“

Das 10. Wiesbadener „Just Music – Beyond Jazz“-Festival mit vielerlei Facetten. Und der unwiderstehlichen Energie von Sylvie Courvoisier.

22.02.2015 23:20
Hans-Jürgen Linke
Präzise kalkulierte Klavier-Präparationen beim Just-Music-Festival in Wiesbaden: Sylvie Courvoisier. Foto: Christian Ducasse

Die größte Herausforderung für Publikum und Kritiker ist The Dorf. Wie der Name andeutet, ist die Band im Ruhrgebiet entstanden. In der Wiesbadener Besetzung standen und saßen 29 Musikerinnen und Musiker, inklusive Tontechnik, auf der Bühne und davor. Die Dorfmusik hat mit etlichen Stilen zu tun, unter anderem Jazz, Heavy Metal, Neue Musik, Noise. Sie ist teilweise notiert, wird auch dirigiert und ist oft sehr laut und komplett ordnungslos. Dann wieder ganz leise (aber nur kurz) und wundersam geordnet (als Ergebnis koordinierter Anstrengung).

Alles ist meistens ein bisschen zu viel, zu laut, zu heftig, zu chaotisch, aber alle haben ihren Spaß und scheinen das als Lebensgefühl und künstlerischen Impetus in Ordnung zu finden. The Dorf überbringt klingende emotionale Nachrichten aus einer gesteigerten Urbanität. Dass diese Botschaft dem Publikum hier und da Schmerz zufügt, nimmt The Dorf billigend in Kauf. Denn: wirklich ernst gemeint ist hier nichts. The Dorf ist frei von Kunstanstrengung (nicht von Virtuosität), von Pathos (nicht von weitreichenden Ideen) und Verbotsschildern (nicht von Ablehnung beengender Haltungen). Die Rolle des musikalischen Ortsvorstehers Jan Klare ist in der Besetzungsliste mit „air movement“ codiert, eine schöne Übersetzung für „Dirigent“.

Die zweite Herausforderung, an einem anderen Ende des Spektrums, das dieses Wiesbadener Festival „Just Music“ prägt, ist Sebastians Gramss’ „Bassmasse 13“. Das Ensemble aus 13 Kontrabassisten ist der kammermusikalische Ableger einer ursprünglich 50-köpfigen Besetzung. Gramss und seine Mitmusiker haben ihr großorchestrales Programm für die Kammer-Besetzung eingerichtet und einen Teil dem vor drei Jahren verstorbenen Kontrabassisten Stefano Scodanibbio gewidmet, dem die zeitgenössische Kontrabassistenzunft viel verdankt. So dass der Auftritt der Bassmasse 13 eine Stunde voller Subtilität war, voller feinsinniger Klanggestaltung und -veränderung, präzise getimter Bewegung und mit einem unsentimentalen Melos, und nicht immer nur tief unten.

Folklore und Geräusch

Außer den zwei Großformationen präsentierte das Festival mit dem programmatischen Untertitel „Beyond Jazz“ ein Solo und drei frei improvisierende Quartette. „Urumchi“ ist eine Schweizer Band, deren gebrochen-flächige Improvisationen sich von Saadet Türköz’ Stimme weit hinaustragen lassen aus allen Folklorismen, von denen die Musik gleichwohl nie ganz unberührt ist, auch nicht in ihren geräuschhaftesten Passagen.

Das Rope Quartet um den Wiesbadener Pianisten Uwe Oberg hat sich zu einem energetisch intensiven Konsens zusammengefunden, der sich eher im Klanglichen profiliert als im Expressiven und der jedem Einzelnen seinen Raum im Rahmen gemeinsamen Aushörens lässt. Das Quartett „Conference Call“ um den Berliner Holzbläser Gebhard Ullmann war dann doch noch eine veritable Jazz-Formation, freigeistig und beweglich und unverkennbar im freien afroamerikanischen Idiom fundiert, wo auch der vitale Wiesbadener Beyond-Jazz-Impuls seine Wurzeln hat.

Die Solistin des Festivals war die Schweizer Pianistin und Komponistin Sylvie Courvoisier, die außerdem einen Workshop leitete. Wie sonst niemand verbindet Sylvie Courvoisier präzise kalkulierte Klavier-Präparationen, nachdrücklich strukturierende Kompositionsarbeit und expressiv-intensives Spiel zu einer Musik, die sich souverän von allen Genre-Determinationen entfernt und ihr eigenes Magnetfeld erzeugt. Alles, was dort hinein gerät, bekommt ihre Ausrichtung. Ihre Energie erscheint unwiderstehlich, ihre Ideen unerschöpflich. Daran, dass sie zu spielen aufhört, muss man sich erst wieder gewöhnen.

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