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Joni Mitchell Wir sind Sternenstaub

Die immer auf zwei Seiten schauende Joni Mitchell wird heute 75.

Joni Mitchell
Joni Mitchell, hier 1994 aufgenommen. Foto: imago

In einer Liedansage bezeichnete der Folk-Methusalem Pete Seeger Joni Mitchell einmal altväterlich-unkorrekt als langbeiniges blondes Mädchen. Und Johnny Cash zollte ihr gönnerhaft in der TV-Show, die seinen Namen trug, Anerkennung für das Verfassen eigener Songs. Das war Mitte der 60er Jahre, und Joni Mitchell wirkte etwas schüchtern, fast ängstlich. Aber es dauerte nicht sehr lange, da hatte sie zu der gerade erst beginnenden Blütezeit des Pop bereits einige der ergiebigsten Früchte ihres Liedguts beigetragen. „Both Sides Now“ und „Big Yellow Taxi“ gehören heute zu den Klassikern jener ein paar Jahre zuvor von Bob Dylan eröffneten Epoche, in der die Komposition eines Songs und dessen Vortrag als marktfähiges künstlerisches Gesamtergebnis überhaupt erst etabliert wurden.

Joni Mitchell, die mit Neil Young befreundet ist und mit Leonard Cohen und Graham Nash für einige Zeit liiert war, war eine, die dabei war, obwohl sie einen nicht unwesentlichen Teil ihres Ruhms daraus bezog, im entscheidenden Augenblick gefehlt zu haben.

Beim legendären Woodstock-Festival 1969 musste sie passen, weil sie aufgrund des entstandenen Verkehrs-Chaos nicht mehr rechtzeitig zu ihrem Auftritt gelangte. Aus dem Versäumnis heraus hatte sie einen zweiten Blick auf das Geschehen, und so entstand ihr Song „Woodstock“, der heute als Hymne einer Generation gilt, die unter dem Markennamen „Summer of Love“ eine Massenzusammenkunft im US-Bundesstaat New York abhielt, die heute mühelos als Gründungsmesse aller esoterischen Bewegungen samt Musikprogramm durchgehen kann.

Der Sammelbegriff Esoterik war zu der Zeit unverdächtig, und Joni Mitchell lieferte dazu den Soundtrack. „We are stardust, we are golden, and we’ve got to get ourselves back to the garden.“ Man war unterwegs zurück in den Garten, um irgendwie die Seele freizubekommen („I’m gonna get my soul free“), und Joni Mitchell hielt dazu ihre helle Stimme schön in der Waage zwischen distanzierter Beobachtung und dem Pathos der Zugehörigkeit.

Das war es wohl auch, was ihre Begabung für Liedtexte ausmachte. Wenn Joni Mitchell den afrikanischen Wind besang, der am Strand von Matala auf Kreta wehte, dann meinte man für den Moment, dort mit ihr im Mermaid-Café zu sitzen, obwohl es sich doch schon um eine melancholische Rückschau handelte.

Joni Mitchell maß die Schönheit der Wolken mit zweierlei Maß („I look on clouds from both sides now“), was Tom Hanks in dem Film „You’ve Got Mail“ zu der despektierlichen Bemerkung veranlasste, er könne nie mit einer Frau zusammen sein, die die Songs von Joni Mitchell liebt. Tatsächlich taten das aber spätestens seit Beginn der 70er Jahre sehr viele, und eine schöne Hommage dazu findet sich in dem Film „Love Actually“, in dem Emma Thompson irrtümlich glaubt, von ihrem Mann zu Weihnachten eine kostbare Kette geschenkt zu bekommen, die sich dann aber doch nur als neue CD von Joni Mitchell erweist. Während die Kette für die Geliebte (Heike Makatsch) ausgesucht war, stand die Musik von Joni Mitchell im Zeichen ewiger Treue.

Dabei ist nichts weniger richtig als die Vorstellung, dass Joni Mitchell ihren einmal gefundenen Stil für immer veredelt habe.

Der musikalische Übergang in die Anrainergebiete des Jazz vollzog sich in den 70ern. Langsam, aber unmissverständlich. Stellte ihr Erfolgsalbum „Blue“ von 1971 noch eindeutig eine Verfeinerung ihrer Songschreiberei dar, gewann mit den Alben „The Hissing of the Summerlawns“ (1975) und „Hejira“ (1976) die musikalische Gestaltung an Bedeutung, am deutlichsten hörbar in Jaco Pastorius (von Weather Report) Feinmalerei am Bass. Dessen Credo war es, den Bass zu spielen, als sei er eine menschliche Stimme. Und die tritt mit den Songs von Joni Mitchell ein in eine kreative Zwiesprache.

Waren ihre Songs von der musikalischen Struktur her nie einfach, so formte sie ihre Kompositionen fortan zu komplexen, gleichwohl harmonischen Gebilden. Ihre überbordende Begabung hat viele beeindruckt, mitunter wohl auch verschreckt. Nicht zu bezweifeln aber ist ihre Fähigkeit, mit anderen zu kooperieren. Stark beeinflusst wurde ihre Jazz-Phase von Charles Mingus, später kam die Zusammenarbeit mit Wayne Shorter und Herbie Hancock hinzu. Auf „Hejira“ hört man aber auch Neil Young Mundharmonika spielen, und der kanadische Eiskunstläufer und Künstler Toller Cranston stand ebenfalls mit Rat und Inspiration zur Seite und ritzte dazu schwermütige Figuren in das gefrorene Geläuf.

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