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Jonas Kaufmann „Liedgesang bewahrt einen weitgehend vor schlechten Angewohnheiten“

Jonas Kaufmann über die „Königsklasse des Singens“. Und den Druck, der auf den Tenören von heute lastet.

Jonas Kaufmann
Irgendwann Bariton werden? „Manchmal fantasiere ich davon, mal den Scarpia, den Jago oder den Ochs zu singen“, sagt Jonas Kaufmann. Foto: Gregor Hohenberg Sony Classical

Herr Kaufmann, lassen Sie uns über Lieder sprechen. Das Lied haben Sie einmal „als die heiligste Kunst meiner Künste“ bezeichnet, als die „Königsklasse des Singens“. 
„Königsklasse“ stimmt, aber „heiligste Kunst“? Wenn ich das anderer Stelle gesagt habe, dann wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem vielzitierten Satz aus dem Vorspiel der „Ariadne“, nämlich „Musik ist eine heilige Kunst“. Bei Hofmannsthal klingt das gut, aber als Jonas Kaufmann käme mir das nicht so schnell über die Lippen, das wäre mir zu geschwollen. Ja, Liedgesang erfordert vom Sänger meist einiges mehr als eine Opernrolle, deshalb „Königsklasse“. 

Nun sind Sie aber in der Wahrnehmung wohl der meisten Klassik-Freunde ein Opernsänger, kein Liedsänger. Mögen Sie es also doch lieber profan als heilig?
Wenn mich die meisten Hörer eher als Opernsänger wahrnehmen, dann liegt das wahrscheinlich daran, dass Puccini-Arien halt populärer sind als Schubert-Lieder. Mit „profan vs. heilig“ hat das aber wenig zu tun, sondern eher mit „beliebt vs. für Kenner“. Wobei man auch da differenzieren muss: Es gibt etliche Opern, die eher in die Kategorie „special interest“ gehören und viele Kunstlieder, die so beliebt sind, dass sie längst schon Volksliedcharakter haben. Bestes Beispiel: „Am Brunnen vor dem Tore“. Mir sind beide Genres, die Oper und das Lied, gleichermaßen ans Herz gewachsen. 

Der klassische Liederabend hat es aber dennoch schwer, im Portfolio der Veranstalter kommt er zunehmend seltener vor. Fehlt dieser Konzertform etwas, oder hat sie gar von etwas zu viel? 
Ich denke, dass der klassische Liederabend zu den Lieblingskindern des so genannten „Bildungsbürgertums“ gehört. Und wie wir wissen, ist diese Gruppe in den letzten Jahrzehnten deutlich kleiner geworden. Der typische Besucher eines Liederabends ist ein Mensch, der Goethe und Eichendorff genauso kennt wie Schumann und Brahms. Ein Kollege von mir hat mal gesagt: „Wenn du in der Wigmore Hall in London einen Liederabend gibst, hast du den Eindruck, dass im Publikum lauter Leute sitzen, die dein Repertoire besser kennen als du selbst“. 

Ihr früherer Lehrer und jetzige Liedbegleiter Helmut Deutsch sagt: Lieder seien nicht dazu gemacht, sich angenehm beschallen zu lassen. Könnte das der Grund sein? 
Das ist sicher mit ein Grund. Kunstlieder lassen sich selten als easy listening konsumieren. 

Oder ist es so, dass kaum ein Konzertveranstalter es sich finanziell leisten kann, einen Jonas Kaufmann exklusiv im adäquaten Kammermusiksaal singen zu lassen? 
(Kaufmann lacht) Das könnte ein weiterer Grund sein.

Sie sind ja ein Sängerdarsteller, der sich sichtlich gerne bewegt auf der Opernbühne. Wie schwer fällt da das Stehen am Konzertflügel? 
Es fällt mir nicht schwer, aber es erfordert schon eine ganz besondere Art der Konzentration. Allerdings gibt es auch Lieder oder Liederzyklen, die eine gewisse Bühnenaktion zulassen, wenn nicht sogar brauchen. Als Diana Damrau, Helmut und ich beschlossen hatten, mit dem „Italienischen Liederbuch“ von Hugo Wolf auf Tournee zu gehen, hat Helmut die Reihenfolge der Lieder neu zusammengestellt, und zwar so, dass es eine Art von „Szenen einer Ehe“ ergab. Das haben Diana und ich natürlich dankbar aufgenommen und entsprechend agiert. Manche meinten, es sei ein bisschen zu viel des Guten gewesen, aber den meisten hat es sehr gefallen. Was uns aber am meisten gefreut hat: dass dieser Zyklus, der bei Veranstaltern fast schon als „Kassengift“ abgeschrieben war, so gut besucht war. 

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