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John Abercrombie Eng verbunden, ganz frei

Erst trat er virtuos auf, doch mit der Zeit wurde die Musik des Jazz-Gitarristen John Abercrombie immer zurückhaltender. Jetzt ist er nach langer Krankheit gestorben.

John Abercrombie
John Abercrombie, hier im November 1990 im Blue Note in Tokio. Foto: Imago

Als um die Mitte der Sechziger die elektrischen Gitarren immer schneller und lauter wurden, war John Abercrombie an zentralen Orten dieser Entwicklung dabei. 1944 in Port Chester im Staate New York geboren und in Greenwich, Connecticut aufgewachsen, hatte er mit 14 angefangen, Gitarre zu spielen und sich mit Rock’n’Roll zu imprägnieren. Chuck Berry war sein erster Gitarren-Held. Ihn imitierte er, bis der bluesbasierte Bebop-Gitarren-Stil Barney Kessels ihn für den Jazz zu öffnen begann. Er studierte von 1962 bis 1966 am Berklee College in Boston, ging für zwei Jahre an die North Texas State University und zog 1969, nun, nach New York, wohin sonst.

Abercrombie wurde dort sehr schnell ein gefragter Session- und Studio-Gitarrist. Er arbeitete unter anderem mit Gil Evans und Gato Barbieri und geriet in die Band Dreams mit den Brüdern Michael und Randy Brecker und dem Schlagzeuger Billy Cobham. Die Band gehörte zu den angesagten Jazz-Rock-Formationen der frühen siebziger Jahre und setzte in Hinblick auf Spieltechnik Maßstäbe – wenn nicht Legenden in die Welt. Abercrombie ließ virtuos die Finger über die Bunde rasen, trat auf Effekt-Pedale und drehte am Volume-Regler. Und fragte sich irgendwann, bei einem Konzert in Philadelphia: Was mache ich hier eigentlich? Das war ein Signal, das Ganze noch einmal zu überdenken und an einigen Stellen von vorn anzufangen.

Ungefähr drei Jahre später lud ihn Manfred Eicher, Gründer des Münchner Labels ECM, zur Zusammenarbeit ein. So entstand die Trio-Aufnahme mit dem treffenden Titel „Timeless“.

Jack DeJohnette spielte Schlagzeug, Jan Hammer elektrische Orgel, alles wurde ruhiger und reifer, und ein überaus haltbarer und ergiebiger neuer Stil war geboren. Da war John Abercrombie gerade mal 30 Jahre alt. Auf „Timeless“ folgten die pionierhaften Einspielungen „Gateway“ (1976) und „Gateway II“ (1978), das Trio mit Jack DeJohnette und Dave Holland wirkte international stilbildend.

In den folgenden vier Jahrzehnten war Abercrombie als Solist und Session-Musiker, als Bandleader und Sideman, als Komponist und versierter Improvisator mit reichem melodischem und klanglichem Vokabular eine der prägenden Figuren in der ECM-Klangwelt. An über 50 Einspielungen von Langspielplatten und CDs war er in verschiedenen Rollen beteiligt. Die meisten seiner Bands waren Trios und Quartette, und immer wieder verdoppelte er gern und ungewöhnlich mit Gitarre und Keyboard die rhythmisch-harmonische band section.

John Abercrombies charakteristischer Reifungsprozess wirkte sich so aus, dass seine Musik immer nachdenklicher und zurückhaltender wurde. Er kultivierte eine Musikalität des absichtsvollen Verzichts auf einst gern verwendete Effekte und Techniken, aber er machte diesen Verzicht auch hörbar. Er wandte sich verstärkt der früheren Geschichte der Jazz-Gitarre zu, entdeckte für sich die Einflüsse eines Charlie Christian und Wes Montgomery und Jim Hall neu, vergaß aber auch nie die befreienden jazzgeschichtlichen Wirkungen eines Ornette Coleman und die Erweiterungen des elektrischen Gitarrenklangs durch einen Pionier wie Jimi Hendrix. Er kultivierte einen Gitarrenstil, der in der harmonischen Überraschung die Eleganz betonte, der das Zuhören und die Konzentration auf das Ensemble-Spiel in den Vordergrund stellte und dessen Umgang mit Soundeffekten sich mit Andeutungen beschied.

Und immer öfter genügte ihm die akustische Gitarre. Er spielte im Duo mit Ralph Towner und mit John Scofield, er arbeitete mit so grundverschieden gestimmten Musikern wie Lester Bowie, Jan Garbarek und Collin Walcott, mit Charles Lloyd und Enrico Rava. Sein Spiel wurde nicht langsamer und enger, sondern genauer, transparenter und raffinierter.

„Am liebsten hätte ich es“, sagte er einmal, „wenn man mich in meinen engen Beziehungen zur Geschichte der Jazz-Gitarre wahrnehmen kann, während ich aktuelle Beschränkungen hinter mir lasse.“

John Abercrombie starb nach langer Krankheit am 22. August an Herzversagen.

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