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Johannes Martin Kränzle in der Oper Frankfurt Lebhaft an Grenzen

Johannes Martin Kränzles außerordentlicher, keine Nuance auslassender Liederabend in Frankfurts Oper.

14.12.2016 16:06
Hans-Klaus Jungheinrich
Unverbrüchliche Sicherheit: Kränzle (r.) und der Pianist Hilko Dumno. Foto: Wolfgang Runkel

Was würde er singen? Der große Opern- und Liedkünstler Johannes Martin Kränzle gehört ja weniger zu den Exponenten verinnerlichter lyrischer Vokal-Intimität; sein wuchtiger, dramatischer, in allen Lagen klar ansprechender, auch glanzvoll-heldischer Bariton scheint größere Formate – gleichsam szenische Darstellungen auch im Konzertrahmen – zu bevorzugen. Also Balladen von Loewe, ausgreifendere Lied-Erzählungen von Schubert? Bei seinem Liederabend in der Oper Frankfurt (in der sich zu diesem Anlass Musikfreunde in großer Zahl versammelten) setzte Kränzle nun aber ganz andere Akzente und bot gleichwohl ein seiner Begabung und seinem Charisma wunderbar entsprechendes, höchst ungewöhnliches Programm. Es entfernte sich dabei kaum von dem Schubert-Motto „Grenzen der Menschheit“, das einer seiner CDs den Namen gab.

Grenzgängerisch jedenfalls die „Sechs Monologe aus Jedermann“ des Schweizers Frank Martin, eines der Hauptwerke des leider halbwegs vergessenen Komponisten. Das Entstehungsjahr 1943 deutet auf einen Zusammenhang mit dem Kriegsgeschehen, das Martin offenbar zu ähnlich religiöser Besinnung veranlasste wie Arthur Honegger in seiner „Symphonie liturgique“. Martins Hofmannsthal-Vertonung ist, fern barocker Schmuckbeladenheit, geprägt von einem suggestiven Klangstil in der Diktion einer verfremdenden, schweifenden Tonalität. Der überaus konzentrierte Ausdrucksgestus verzichtet also auf Eloquenz, nicht aber auf gewaltige Steigerungen, wobei Klavier- und Singstimme ineinander verzahnt werden – dem neuromantisch-überwältigenden Tonfall ist also gleichermaßen konstruktive Strenge eingeschrieben.

Kränzle, selbst ein aktiver Komponist, zeigte lebhaften Sinn für die Besonderheit einer Tonsprache, die ihre deklamatorischen Manifestationen und Expressionen kaum aus blockhafter Monumentalität entlässt. Der zwischen Leben und Tod angesiedelte Zyklus führt in ein visionäres Jenseits von Auflehnung, Beklommenheit und Ergebung – sicher, dass eigene biographische Erfahrungen des Sängers solche Grenzgänge beglaubigen.

Dabei frappiert die souveräne Handhabung des Materials. Dem mächtigen Organ Kränzles ist keine Nuance, kein dynamischer Aufschwung, ja, auch kein (kontrollierter) Exzess verschlossen. Indes war der Abend alles andere als die Vorführung eines robusten Dauerfortissimos, dessen Kränzle sehr wohl fähig wäre.

Schon das einleitende Gebinde aus Gustav Mahlers Wunderhornliedern zeigte eine enorme Bandbreite der Differenzierung. Kränzle begann mit der hintersinnig-heiteren (als Scherzo in die 2. Symphonie übernommenen) „Fischpredigt“, geleitete dann zu Eintrübungen bis hin zum düsteren „Tambourgesell“ mit seinen friedlosen „Gute Nacht“-Ausrufen. Im vorangehenden „Nicht wiedersehen“ (der übers Jahr vermisste „herzallerliebste Schatz“ wird wieder angetroffen – gestorben und im Grabe) modelliert Kränzle auf kleinstem Raum seine Stimme vom hauchigen Parlando in tiefer Lage über traumhaft zarte Kopfstimmenhöhe bis zum schmetternden „Du siehst weder Sonne noch Mond“ der Schlusszeile. Auch mit dem Einsatz von Mimik und Gestik zeichnet Kränzle den immensen inhaltlichen Ambitus der Mahlerlieder.

In der zweiten Konzerthälfte widmet sich Kränzle ganz dem jüdischen Idiom und lässt dessen universale Welt- und Lebenssicht korrespondieren mit den deutsch textierten Mahler- und Martin-Stücken. Nach Ravels gläsern-sparsam grundierten „Deux melodies hébraiques“ brachte Kränzle „Zwölf Songs nach alten jiddischen Weisen“ (1984) zu Gehör, die der Frankfurter Komponist Richard Rudolf Klein einfühlsam mit einer inspiriert elaborierten Klavierstimme unterlegte. Sehr ansprechend hielt er den (jetzt von dem Pianisten Hilko Dumno mit ähnlich unverbrüchlicher Sicherheit und Pointierung wie alles andere beigetragenen) Klavierpart in der Mitte zwischen volksliedhafter Schlichtheit und artifizieller Verdeutlichung.

Kränzle zog dabei alle Register der komischen, halbkomischen und tragisch-grotesken Ausdeutung. Das Jiddische, ohnedies mit seinem im Wesentlichen deutschen Wortschatz mehr als halb verständlich, geriet in Kränzles lebhafter Kolorierung zu einem zauberhaft eingängigen Medium. Unter den Zugaben ein kleines Fenster auf Hugo Wolf: dessen Miniatur vom erotisch salvierten „Schäfer“ nochmals ein Kabinettstück theatralischer Vokal-Präsenz.

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