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Jazzer Ornette Coleman Nachruf Zum Tod von Ornette Coleman

Ornette Coleman, Komponist, Saxophonist und Impulsgeber der Jazz-Geschichte, ist mit 85 Jahren in New York gestorben. Dabei hätte es ewig so weitergehen können und sollen.

12.06.2015 17:12
Hans-Jürgen Linke
Ornette Coleman, hier 1983, ist im Alter von 85 Jahren in New York gestorben. Foto: AFP

Geige spielte er manchmal und Trompete, beides allerdings ohne unbedingten Anspruch auf Virtuosität. Sein Hauptinstrument war das Altsaxophon, aber auch darauf ging es ihm nicht um Technik-Wunder und Artikulations-Heldentaten.

Ornette Coleman war ein stiller Charakter, und die Ausrufezeichen auf dem Titeln einer seiner frühen Platten, „Something Else!!!!“, waren pure Aufforderungen an die Hörer, das Neue auch wahrzunehmen. Auch die Titel der beiden Einspielungen, mit denen er der Geschichte des Jazz folgenreiche innovative Stupser gab, „The Shape of Jazz to Come“ (1959) und „Free Jazz“ (1960) waren mit unsichtbaren Ausrufezeichen versehen: Aufforderungen, einen Weg ins Auge zu fassen. Keine Formulierungen eigener Grandiosiät.

Colemans Medium der Revolution war seine Weise, Musik zu machen. Seine Art, das Zuhören und die sorgsame Gestaltung von Beziehungen zwischen Tönen, zwischen Instrumenten, zwischen Eigenarten, also auch zwischen Menschen in den Blick zu rücken. Doppelbesetzungen gehörten darum zu seinen favorisierten Band-Formen, auf dem Epoche machenden Album „Free Jazz“ spielte ein Doppelquartett.

Als er 2005 mit einem Quartett das Album „Sound Grammar“ im Feierabendhaus der BASF in Ludwigshafen einspielte, waren zwei Bassisten dabei, mit gänzlich unterschiedlichen Aufgaben betraut. Für das Album bekam er 2006 einen Grammy und bald danach einen Pulitzer-Preis.

Herzenswarmer Musiker

Die Besetzung der Band war sein wichtigster Instrumentations-Trick. Denn er suchte nicht nur Instrumentalisten, sondern Charaktere und Spielweisen, deren Eigenarten sich zusammenfinden konnten, um etwas zu schaffen, was noch sonst nirgends zu finden war. Gefährten auf diesen oft verschlungenen, immer etwas verborgenen Wegen waren stille, nicht unkomplizierte, aber herzenswarme Musiker wie er: der Schlagzeuger Billy Higgins, sein Sohn Denardo, den er schon als Schlagzeuger beschäftigte, als er gerade zehn war, Don Cherry mit seiner Taschentrompete, der im vergangenen Jahr verstorbene Bassist Charlie Haden.

Colemans introvertierte Revolution nahm ihren Ausgang von eher folkloristischen Auffassungen von Musik. 1930 in Ford Worth, Texas, geboren, aufgewachsen in einer Umgebung aus Rassendiskriminierung und Armut, brachte er sich ab 1944 das Saxophonspielen autodidaktisch bei.

Mit 19 floh er nach Los Angeles, beschäftigte sich, ebenfalls autodidaktisch, mit Musiktheorie und Harmonielehre und entwickelte, gegen jede gebrauchsmusikalische Selbstverständlichkeit, Ansätze eines tonalen Systems, das nicht auf den Dur-Moll-Dualismus hinauslief, sondern auf mathematischen Modellen basierte. John Lewis vom Modern Jazz Quartett vermittelte ihn an die Plattenfirma Atlantic, und gegen Ende der 50er Jahre war Ornette Coleman kein gemachter Mann, aber ein geachtetes Mitglied der Jazz-Community.

Ein Außenseiter dieser Szene ist er zeit seines Lebens geblieben, aber im Jazz genießen zum Glück gerade seine Außenseiter oft erhebliche Aufmerksamkeit und üben folgenreiche Einflüsse aus. So verschiedene Musiker wie Pat Metheny, John Zorn oder Joachim Kühn sind von Coleman beeinflusst.

Der große Autodidakt

Colemans Impetus, seinen grundsätzlich autodidaktischen Zugang zur Musik gegen ihre akademische Präsenz zu setzen, führte unter anderem dazu, dass er in den frühen 70er Jahren für seine Art tonaler und gruppendynamischer Organisation der Musik das Schlagwort „harmolodics“ einführte. Er erklärte nie präzise, was damit gemeint war, so dass alle, die es verwendeten, mit einem intuitiven Bedeutungsrest umgehen mussten.

Was harmolodisches Spiel war, konnte man nicht genau erklären, aber wenn man Coleman mit seiner Band auf der Bühne erlebte, gab es Aha-Erlebnisse: Das also hat er gemeint: Wie die beiden Bassisten von verschiedenen Seiten gewissermaßen das Gleis legen, auf dem die Musik dahinrollte, ohne sich dabei zu berühren, aber immer miteinander verbunden – das ist harmolodisches Spiel.

Andere Auftritte, andere Bands vermittelten andere Aha-Erlebnisse. Immer war dabei eine magnetische Spannung in einem epischen Zustand, also ohne expressive Entladungen und konventionelle Spannungsbögen im Spiel. Es hätte unendlich so weitergehen können. Aber Ornette Coleman ist am 11. Juni in New York an Herzversagen gestorben.

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