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Jazzensemble des HR Fein polierte Edelsteine

Das Jazzensemble des HR wird 50 Jahre alt. Auf der Bühne ist diese Band kaum zu erleben gewesen.

hr-Jazzensemble feiert 50-jähriges Jubiläum
Auf der Bühne ist diese Band kaum zu erleben gewesen. Foto: dpa

Auf der Bühne ist diese Band kaum zu erleben gewesen. Vor einigen Jahren an einem sommerlichen Sonntagvormittag im Hof des Frankfurter Historischen Museums einmal, danach auch beim Deutschen Jazzfestival im Sendesaal des Hessischen Rundfunks - aber das waren Ausnahmen.

Die Regel ist, dass diese Band, die früher Jazzensemble des Hessischen Rundfunks hieß und inzwischen, nach einer dieser angesagten Namensvereinheitlichungen, hr-Jazzensemble, sich in Frankfurt am Dornbusch im Studio II trifft und dort ein bis zwei Stücke einspielt, die ein Bandmitglied frisch komponiert und arrangiert hat. Das ist so seit nunmehr 50 Jahren.

Ein solcher Zeitraum läge in der freien Wildbahn des zeitgenössischen Jazz weit jenseits jeder möglichen Lebensdauer für ein Ensemble. Es muss also auch die Institution des Senders gewesen sein, die diese Kontinuität gestiftet hat. Und sonst?

Als der Hessische Rundfunk Ende 1958 die damals Frankfurt All Stars genannte Band um die Brüder Emil und Albert Mangelsdorff zum Jazzensemble des Senders ernannte, war damit vor allem beabsichtigt, ein Repertoire von gut versendbarem, zeitgemäßem Jazz moderner Frankfurter Prägung aufzubauen und zugleich den Musikern ihre wirtschaftliche Existenz zu erleichtern. Beides gelang. Letzteres empfanden die Musiker als große Wohltat.

Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte kamen und gingen neue Mitglieder, viele Gäste wurden eingeladen und verschwanden wieder, und ein harter Kern blieb bis auf den heutigen Tag dabei: Emil Mangelsdorff, Joki Freund, Ralf Hübner, Günter Lenz und Heinz Sauer; zu den jüngeren und inzwischen auch längst festen Mitgliedern gehören die Saxofonisten Christof Lauer und Peter Back, der Pianist Tom Schlüter und der Posaunist Stefan Lottermann, der für Albert Mangelsdorff kam.

Kein Kommerzverdacht

Wenn man nach Gründen für die enorme Kontinuität fragt, kann man heute das Geld getrost beiseite lassen. Das war früher ein wenig anders: Die paar hundert Mark, die die Musiker dieses Ensembles pro Monat sicher bekamen, reichten schon mal für die Miete. Das war eine große Erleichterung, zumal für Jazzmusiker, deren Musik gemeinhin nicht im Verdacht kommerzieller Millionenerfolge steht und die in den fünfziger und sechziger Jahren unter schwierigsten Bedingungen arbeiteten.

Die Honorarbeträge beim hr-Jazzensemble sind nicht jährlich um die Inflationsrate erhöht worden, sondern seit wer weiß wie vielen Jahren stabil geblieben und seinerzeit schlicht in Euro umgerechnet worden. Damit liegen sie mittlerweile hart an der Grenze zum Symbolischen.

Es müssen also eher künstlerische Parameter sein, die für die Kontinuität sorgen. Wer eine der Aufnahme-Sitzungen mit dem Ensemble miterleben und dabei sehen konnte, wie versiert und schnell sich alle das Material aneignen, ohne in kaltes Vom-Blatt-Spielen zu verfallen; wie souverän die Arbeit am Mischpult getan wird und wie aufmerksam, nörglerisch und konstruktiv sich anschließend alle mit den Ergebnissen auseinandersetzen, über den Abmisch-Prozess entscheiden und wachen, der ahnt, dass hier der wohl wichtigste Grund liegt für die Kontinuität dieser Gruppe: in der Chance, mit Hilfe eines kompetenten Tonmeisters ein Stück von Anfang bis Ende autonom und kollektiv gestalten zu können. Ohne dass andere Kriterien angelegt werden als die, die Musiker im Kopf haben.

Die Musiker können also selbstbestimmt an ihrer Musik arbeiten und werden dabei technisch vorbildlich unterstützt. Niemand übt Druck aus, eine Zensur findet nicht statt, Publikumsreaktionen gibt es nicht, der Markt spielt keine Rolle. Das hr-Jazzensemble hat das Privileg, sich in einem musikalischen Freiraum zu bewegen, wie es ihn nicht oft gibt.

Mehrere der Musiker haben die Chance genutzt, sich als Komponisten zu profilieren und zu entwickeln, mit Klängen zu experimentieren, an der Form zu arbeiten und dem immer schon speziellen Frankfurter Jazz eine immer ausgefeiltere Gestalt zu geben. Heinz Sauer und Ralf Hübner, Günter Lenz und inzwischen Peter Back sind schwerpunktmäßig für das kompositorische Profil des Ensembles verantwortlich, und sie genießen das Privileg, Monat für Monat ein Ensemble von interessierten, kompetenten, erfahrenen und selbstbewusst kritikfähigen Mitmusikern zu haben.

Meistens versendet sich das, wie man im Hörfunk sagt. Aber das Archiv, in dem die Aufnahmen des hr-Jazzensembles aufbewahrt werden, muss, wenn es sorgfältig geführt wurde, immens sein und voller gut geschliffener, fein polierter Edelsteine. Nur selten, viel zu selten, erfährt die breitere Öffentlichkeit konzentriert und geballt auf CDs von der enormen Qualität dieses Ensembles. Das aktuell erschienene Album ist - in 50 Jahren! - erst das dritte. Nicht nur, aber allein schon deswegen sollte es allerhand Aufsehen erregen.

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