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Jazz Offenen Sinnes vorwärtsdenkend

Der Trompeter Arve Henriksen mit unerschöpflich vielen Schattierungen in der Jazzreihe der Alten Oper Frankfurt.

Es gibt ihn noch, den Fortschritt im Jazz, auch lange nach dem Ende einer linearen Historie einander ablösender Stile. Viel von dem, was heute eine Position weit vorne zu beanspruchen vermag, knüpft in der einen oder anderen Art an die neue Freiheit im Jazz in den sechziger Jahren an – offenen Sinnes vorwärtsdenkend, nicht retroavantgardistisch.

Ganz vorne mit dabei ist der norwegische Trompeter Arve Henriksen. Immer wieder geht er manniggestaltige Verbindungen mit so unterschiedlichen Musikern wie der japanischen Koto-Spielerin Satsuki Odamura oder der psychedelischen Progrockband Motorpsycho ein. Der Hauptstrang jedoch gilt einer Synthese mit den Möglichkeiten der Elektronik. In der Jazzreihe im Mozartsaal der Frankfurter Alten Oper gastierte der 49-Jährige mit seinem mit langjährigen Weggefährten besetzten Quartett und einem Programm mit Novitäten aus dem jüngsten Album „Towards Language“ sowie einer retrospektiven Auswahl.

Alles wirkt sehr frei und zugleich geformt

Auf die – in Teilen bereits elektronisch bearbeiteten – Instrumentalklänge reagiert Jan Bang mit einem seinerseits improvisatorischen Live-Remix am Sampler, in dem das gesplitterte Material gleichsam nachhallt. Alles wirkt sehr frei und zugleich geformt, im Sinne eines dialektischen Verhältnisses von Improvisation und Komposition. Auf der Trompete geht es Henriksen um eine Erweiterung des klanglichen Spektrums ins tendenziell Unendliche. Er spielt in einer gesanglichen Art ohne Mundstück, er wechselt zur Pikkolotrompete und er singt „instrumental“, vor allem im Falsett. In der Zugabe gleitet er vom Obertongesang in einen indisch-perkussiven Gesangsstil über.

Nicht pulsgebend, sondern perkussiv behandelt Audun Kleive das Schlagzeug, mitunter mit afrikanischen Anleihen. Die Gitarre von Eivind Aarset mäandert ambientehaft, mal auch lässt sie Splitter von Industrial erkennen.

Das ist eine Musik, die einen ob einer faszinierenden Sogkraft in den Bann zu ziehen vermag. Der sprichwörtliche „nordische“, mit Naturbildern verbundene Klang wird auf eine andere Ebene gebracht. In der ohne Unterbrechung gleitenden Abfolge der Stücke haben Henriksen und das Ensemble einen großen Bogen über eine Stunde hinweg geschlagen. Das ist Jazz von einer anderen Art: Hier glänzt niemand in einem den Szenenapplaus herausfordernden Sinne solistisch. Es ist die Musik, die changiert, in unerschöpflich vielen Schattierungen. Eineinviertel Stunden bloß samt Zugabe hat die Uhr gezählt – und doch ist da nicht das Gefühl, man wäre zu sparsam bedient worden.

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