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Jazz in Frankfurt Sechs Jahrzehnte, viele Lücken

Eine Doppel-CD widmet sich der Vergangenheit und Gegenwart des Jazz in Frankfurt. Aber zu viel fehlt, viel zu viel.

28.12.2014 17:09
Hans-Jürgen Linke
Fehlt auf der CD, was schon seltsam ist: Annemarie Roelofs. Foto: FR-Foto / Georg Kumpfmüller

Wer in Frankfurt und Umgebung lebt und sich zum Jazz-Publikum der Region rechnet, hat auf diese Doppel-CD möglicherweise sehnsüchtig gewartet. Sie beinhaltet eine Kompilation aus sechs Jahrzehnten, Rückblick auf große Zeiten, dazu eine Bestandsaufnahme des Aktuellen.

Die älteste Aufnahme stammt von 1954 („Don’t Worry About Me“ mit dem Jutta Hipp Quintet), die neueste Aufnahme ist „Aruna“ mit dem Max Clouth Clan. Die gute alte Zeit repräsentieren Hans Koller, Heinz Sauer, Albert und Emil Mangelsdorff, Joki Freund, Günter Lenz, Bob Degen, Jutta Hipp. Das Manfred Schoof Quintett wurde wohl in die Sammlung aufgenommen, weil Wahl-Frankfurter Buschi Niebergall hier Bass spielte.

Auf der zweiten, der Gegenwarts-CD mit Aufnahmen aus den vergangenen sechs Jahren, finden sich das Michael Wollny Trio, drei Bands von Mitgliedern der HR-Bigband (Tony Lakatos, Axel Schlosser, Oliver Leicht), das wunderbare Trio No Lega, das Trio A Coral Room, das Uli Schiffelholz Quintet, das famose Contrast Trio, die womöglich unterschätzten Soul Jazz Dynamiters, der Max Clouth Clan. Emil Mangelsdorff fungiert als Bindeglied zwischen den Generationen.

Dass Michael Wollny nach Leipzig gezogen ist, ist schwer zu verschmerzen. Erfreulich und musikalisch ergiebig dagegen sind die häufigen Kooperationen zwischen jüngeren und älteren Musikern, und die Schlüsselstellungen und die enormen aktuellen Potenziale von Musikern wie dem Trompeter Valentin Garvie und dem Gitarristen Martin Lejeune werden deutlich. Das minimalistische Booklet entschuldigt sich mit dem wohlfeilen Hinweis, Vollständigkeit wäre bei so einem umfangreichen Materialbestand auf zwei CDs nicht herzustellen. Geschenkt.

Nicht mal halbwegs repräsentativ

Aber die Wahrheit ist: Die Kompilation des Vergangenen und daher der Nachweis seiner Relevanz für die Gegenwart ist nicht einmal halbwegs repräsentativ geraten. Dazu sind die Lücken zu groß und markant. Der Bassist Stephan Schmolck wird nirgends als aktives Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart gewürdigt, Musikerinnen und Musiker wie Ralf Hübner, Alfred Harth, Christof Lauer, Elvira Plenar, Annemarie Roelofs, Michael Sagmeister, Anke Helfrich fehlen, ebenso Karl Berger, ehemaliger Leiter des kurzlebigen Aufbaustudiengangs Jazz an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst.

Und das sind nur einige der prominentesten Leerstellen. Eine bündige Reflexion der gegenwärtigen Situation wird so nicht befördert, die Kompilation reicht nur willkürlich zusammengestellte Häppchen.

Sechs Jahrzehnte Jazz in Frankfurt – das ist auf zwei CDs nicht unterzubringen. Vielleicht wäre es besser gewesen, eine repräsentative Vier-CD-Kassette mit sinnvollem Booklet aufzulegen – statt zweier lückenhafter CDs und vier Seiten mit Titeln, Namen, ein paar Zitaten und Hinweisen. So, wie das Produkt jetzt da liegt, enthält es einfach zu viele unfreiwillige Verweise auf die Tatsache, dass es um Gegenwart und Zukunft des Jazz in Frankfurt nicht wirklich rosig auszusehen scheint.

Frankfurt Sound – Past & Presence Of a Jazz Movement. Doppel-CD. CDLR 661929, Bellaphon.

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