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Jazz im Palmengarten Grüne Soße für die Befreiung

Das Anke Helfrich Trio mit Angelika Niescier beim Jazz im Palmengarten.

Wie groß der zugefügte Schmerz auch immer gewesen sei, schrieb William Ernest Henley in dem Gedicht „Invictus“, „I am the master of my fate / I am the captain of my soul“. Anke Helfrich nimmt das als Leitmotiv einer Komposition, die sie Nelson Mandela (und vielleicht ein bisschen auch dem südafrikanischen Pianisten Abdullah Ibrahim) gewidmet hat. Mit ein paar Akkorden sind wir mitten in einem anti-rassistischen Bezugssystem, das in die Zeitläufte passt und in diesen warmen, bald spätsommerlich sich verdunkelnden Sommerabend im Palmengarten.

Zu Anke Helfrich und ihrem Trio mit Dietmar Fuhr, Bass, und Jens Düppe, Schlagzeug, hat sich die Altsaxofonistin Angelika Niescier gesellt. Sie konterkariert manchmal die filigran-transparente Musik des Klaviertrios mit atemberaubend langen, klanglich vielgestaltigen Saxofonlinien, die nie hastig wirken, aber oft so klingen, als hätte sie noch viel mehr Ideen, die sie aus Rücksicht auf die Aufnahmefähigkeit des geneigten Publikums jetzt mal beiseite lässt, bevor sie übergangslos wieder zurückkehrt in eine warm tönende motivische Arbeit und in parallelen Passage mit dem Klavier.

Zwischendurch ist auch mal von Grüner Soße die Rede. Anke Helfrichs assoziationsreiche Ansagen bereichern den Abend zwanglos mit Lachen und Scherzen. Es herrscht kein Mangel an guter Laune und an ernsthaftem Pathos, an Politik und Kulinarik, an froher, lebendiger Gegensätzlichkeit.

Viele Stücke des Abends sind auf dem Trio-Album „[dedication]“ enthalten, das verschiedenen Heldinnen und Helden gewidmet ist. Anke Helfrich ist unter anderem in Namibia aufgewachsen, wo ihre Eltern in der Anti-Apartheid-Bewegung engagier waren. So gibt es bei vielem, was sie sagt, eine authentische politische Grundierung, die sich fugenlos mit dem Spaß verbindet, den die Musiker auf der Bühne und im Publikum verbreiten. Ihr Spiel am Klavier ist facettenreich und auf präzise Art emotional intensiv. In ihren Duo-Stücken mit Angelika Niescier klingt sie manchmal etwas kraftvoller, als würde sie etwas von der sensiblen Zurückhaltung hinter sich lassen, die sie sich im Trio auferlegt.

Das letzte Stück, „The Prize“, ist der Höhepunkt des Abends. Wieder spielt ein gewichtiger Text eine Hauptrolle. Das Stück ist den afroamerikanischen Befreiungsbewegungen gewidmet und arbeitet sich voller Empathie an Martin Luther Kings historischer „I Have a Dream“-Rede ab, indem es den suggestiven musikalischen Charakter ihrer Rhetorik, die Rhythmik, die Pausenbildung, die steigernden Wiederholungen, die leise, utopische Harmonie darin am Klavier nachbildet: eine Einladung an ihre Hörer, den Traum mitzuträumen.

Danach gibt es vielleicht noch Grüne Soße.

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