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Jazz Dorthin, wo alles lodert

Jason Moran mit seinem Trio beim Rheingau Musik Festival in Mainz.

Jason Moran
Jason Moran in der alten Lokhalle Mainz. Foto: Ansgar Klostermann / RMF

Es muss 15 Jahre her sein, als ich Jason Moran das erste Mal hörte. Er war da schon mehr als ein Geheimtipp und gerade erschien mit „Modernistic“ sein fünftes Album auf Blue Note. Was man da hören konnte, war phänomenal. Da benutzte jemand die harmonischen und rhythmischen Ideen des amerikanischen Jazz, aber das Material dazu holte er sich von überall her. Der Anfang klang nach einem Stride-Piano der 1910er Jahre, ein paar Augenblicke später jonglierte er mit „Planet Rock“ von Afrika Bambaataa und noch ein paar Augenblicke später vertiefte er sich in Robert Schumanns „Auf einer Burg“ aus dem Eichendorff-Liederzyklus op. 39.

Die Musikgeschichte liegt vor Jason Moran da wie ein Steinbruch. Er nimmt sich, was er will, und entwickelt daraus eine ganz eigene, selbstbewusste musikalische Sprache. Eine Sprache, die sich ganz klar einfügt in die große Tradition des Jazz und ihr zugleich eine neue Gegenwart schenkt. Moran selbst formuliert seine Haltung etwas bescheidener: „Ich bin ein moderner Pianist, kein Pionier, kein Avantgardist. Ich lade alte Dinge mit neuen Ideen auf.“ Mit einem bunt bestickten Anzug betritt er auf Einladung des Rheingau Musik Festivals die Bühne der alten Lokhalle in Mainz und beginnt sofort mit seinem musikalischen Puzzle. Ein paar Mosaiksteine in ungeordneter Reihenfolge: Fats Waller, Thelonious Monk, Conlon Nancarrow, Rachmaninoff als Ragtime und immer wieder der Blues.

Das alles ist für Moran mehr als nur Ausgangsmaterial, es sind Koordinaten seiner schier grenzenlosen musikalischen Welt. Er lässt die Musik oft lange unberührt, verändert sie nicht sofort. Moran spielt nicht nur mit den Noten, sondern auch mit der eigentümlichen Patina, die ihnen anhaftet. Der „Russian Rag“ etwa fußt genauso auf dem cis-moll-Prélude Rachmaninoffs wie auf den musikalischen Ideen der 1910er Jahre – ein exzessiver, gut gelaunter Gassenhauer, der ganz allmählich aus dem Ruder läuft, bis er etwas völlig anderes wird.

Als er sich später vor Fats Waller verbeugt, schließt er dessen Musik mit Ideen von Drum’n’Bass, House und Minimal Techno kurz, was deshalb so bruchlos und glaubwürdig funktioniert, weil Tarus Mateen am Bass und Nasheet Waits am Schlagzeug alles können und es dabei völlig selbstverständlich erscheinen lassen.

Und natürlich spielen sie mit „Thelonious“ ein Stück von Monk, für Moran „der wichtigste Musiker überhaupt“. Aber sie stellen ihn nicht bloß aus wie ein Museumsstück, das man nicht anfassen darf und hinter Plexiglas versteckt, wie Brad Mehldau das vor ein paar Tagen auch in der Fokus Jazz Reihe des Rheingau Musik Festivals tat. Morans Monk ist auch nicht nur voll irrwitziger Energie, viel wichtiger: er lässt ihm den Stachel, das Unbequeme, das Widerborstige. Fast obsessiv bohrt sich Moran in ihn hinein, dorthin, wo alles lodert: Brenn, Thelonious. Brenn!

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