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Jay-Z Szenen einer Ehe

Auf seinem neuen Album „4:44“ entdeckt Jay-Z die Beichte als Geschäftsmodell.

Jay-Z
Jay-Z im November 2016 auf dem Parteitag der Demokraten. Foto: dpa

Ein Anfang wie aus dem Therapie-Lehrbuch: „You can’t heal what you never reveal“, rappt Jay-Z, bürgerlich Shawn Carter, im ersten Track seines 13. Albums, „4:44“: „du kannst nicht heilen, was du nie enthüllst“. Die Aufgabe der Psychoanalyse ist es, sagt Freud, das verborgenste Seelische bewusst zu machen. Die Aufgabe der Beichte, sagt die römisch-katholische Kirche, ist die Vergebung der Sünden. Du weißt, ermahnt Carter sich selbst, dass du all den Jugendlichen, die sich einst in Jay-Z verliebten, die Wahrheit schuldest.

Noch ein Album darüber, wie viel Picassos und Basquiats an den Wänden seiner Villen hängen, hätten wohl auch die treuesten Fans des Beinahe-Milliardärs nicht mehr gekauft. Zumal diese Jugendlichen längst erwachsen sind und wahrscheinlich selbst bereits mit Ehekrisen, Job- und Relevanzverlust zu kämpfen hatten. Ohne die Rückversicherung eines neunstelligen Bankkontos.

Bis heute das beste Album: „Reasonable Doubt“

Sein erstes Album, „Reasonable Doubt“, veröffentlichte Jay-Z vor 21 Jahren, ein junger, mit Crack-Kokain dealender Kleinkrimineller und Hobby-Reimeschmied aus der No-go-Area des sozialen Wohnungsbaus, mit dem Flow eines abgefeimten Profis, einer kindlichen Freude am Spiel der Silben, mit der ungenierten Kälte eines Berufsverbrechers und dem börsenkurssteigernden Selbstbewusstsein eines CEOs.

Es bleibt bis heute seine beste Veröffentlichung, ein unwiederholbares Husarenstück, gerade weil es glückte, weil ihm seitdem einfach alles zu glücken schien, weil seine Geschichte die schwarze Variante des amerikanischen Märchens erzählte: Von einem, der man nicht mal seine Teller zum Waschen anvertraut hätte, zum Großunternehmer.

Als Barack Obama 2008 zum ersten schwarzen Präsidenten gewählt wurde, fiel Jay-Z und seiner Frau Beyoncé die Rolle eines Königspaares zu, fürderhin würde der Flow-Meister repräsentieren statt zu reflektieren. Künstlerisch war er damit fürs erste erledigt. Beziehungsweise für immer. Jay-Z ist inzwischen 47 Jahre alt, Rapper, die auf die 50 zugehen, haben in der Regel nichts Wesentliches mehr zum Genre beizutragen.

Und als Beyoncé dann vergangenes Jahr ihr phänomenales „Lemonade“-Album herausbrachte, ein Konzeptwerk über die angebliche Untreue ihres Ehemannes, nicht unähnlich Björks kurz zuvor erschienener Scheidungsklage „Vulnicura“ – nur, dass Beyoncé ihr persönliches Schicksal noch dazu erfolgreich mit den Anliegen der „Black Lives Matter“-Bewegung zu verknüpfen wusste. Damit war definitiv entschieden, wer in dieser Ehe die moralische Deutungshoheit innehatte. Jay-Z war jetzt nur noch eine reiche, arme Wurst, beinahe bedauernswert. Viele Optionen jenseits einer Generalbeichte blieben da nicht mehr.

„Kill Jay-Z“ fordert gleich das erste Stück. Doch, wirklich, Jay-Z, dieser begnadete Angeber, opfert sein Ego auf dem Altar der künstlerischen Aufrichtigkeit. Und er verzichtet dabei, im Gegensatz zur Gattin, auf die große Inszenierung, arbeitet zum ersten Mal in seiner Karriere mit nur einem Produzenten zusammen, dem fast gleichaltrigen No I.D., der einst dem jungen Kanye West die Funktionen eines Mischpultes erklärte. Nicht unähnlich dem frühen West hat No I.D. dem reumütigen Shawn Carter ein Bett aus allseits bekannten mit Geschichte und Bedeutung aufgeladenen Soul-Samples gebaut, Nina Simones „Four Women“, Stevie Wonders „Love’s In Need of Love Today“, Donny Hathaways „Someday We’ll All Be Free“. Dazu sparsame, niemals bollernde Beats, und das war es auch schon.

Was zählt, ist allein der alte Flow und die neue Ehrlichkeit, die gesammelten Bekenntnisse des Jay-Z, die Gewaltausbrüche, die Frauengeschichten, die langen Abwesenheiten und die vielen Dinge, für die er sich nun entschuldigen will. Auf „Lemonade“ singt Beyoncé wie sie das Telefon läuten lässt, weil sie es nicht ertragen kann, mit ihm zu sprechen. Auf „4:44“ rappt Jay-Z, wie er verzweifelt immer wieder versucht sie anzurufen. Sogar die inzwischen legendäre „Becky with the good hair“ hat hier einen zweiten Kurzauftritt.

Und doch ist „4:44“ mehr als nur die Antwort des Ehemanns. Jay-Z zieht hier in jedem Wortsinn Bilanz. Rappt über Fehlinvestitionen und wundersame Geldvermehrungen. Die Freiheit des Afroamerikaners unter Trump ist seine Kreditwürdigkeit. Der gemeinsame Weg ist gescheitert, jetzt propagiert Jay-Z den Schwarzmarkt: Dollars matter und beichten bringt Geld. Es geht ums Erbe: Als Künstler, Geschäftsmann und Vater.

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