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James Blake Trost der Trostlosigkeit

Die Musik, die James Blake in die Welt gesetzt hat, wirkt inzwischen weise und welthaltig: „The Colour in Anything“, das dritte Album des Sängers, ist toll und traurig zugleich.

23.05.2016 09:02
Jens Balzer
Eine ganze Generation ist von ihm inspiriert: James Blake. Foto: Universal Music

Am Ende singt er dann nur noch mit sich selber in einem vielstimmig wispernden, brummenden und hummenden Chor; all die Stimmen und Laute, die ihn dabei umflackern, sind Echos aus seinem Innersten, Echos des Ich. „It’s me who makes the peace in me“, singt James Blake mit sachtem Falsett sowie – verfremdet, manipuliert und vervielfacht von Vocodern und anderen elektronischen Geräten – mit engelshaft hoch hauchender, körperlos gewordener Stimme sowie aber auch mit einem brockig zerschnarrten Bass. „Nur ich bin es, der in mir Frieden erschafft“, singt der doppelte, dreifache, vierfache James Blake am Ende seines neuen, fast achtzig Minuten langen Werks.

In den sechzehn diesem Stück vorangegangenen Liedern hat er unermüdlich und unbeirrt seine scheiternden Versuche geschildert, sein Ich mit einem Du zu verbinden, mit einem anderen Menschen glücklich zu werden, und das heißt: aus dem nur mit den eigenen Echos und dem eigenen Frieden gefüllten Ich hinaus in die Welt zu treten und durch die Öffnung zu einem Anderen selber ein Anderer zu werden.

Das hat er alles versucht, aber nichts ist ihm gelungen. Wann immer er sich verliebte, wurde er verlassen, oder die Liebe starb schmerzhaft in seinem Herzen. Meist herrscht Funkstille – „Radio Silence“ ist der Titel des eröffnenden Lieds – zwischen ihm und der Welt und den anderen Menschen. So kappt er im siebzehnten und letzten Song alle Verbindungen nach Außen und begnügt sich wieder ganz mit sich selbst. „Meet You in The Maze“ – „ich treffe Dich im Irrgarten“, ruft er einem anderen Menschen noch hinterher, bevor er sich glücklich zurück in den Irrgarten seiner Innerlichkeit begibt.

Virtuos komponiert und gesungen

„The Colour in Anything“ heißt dieses neue, nunmehr dritte Album James Blakes, eine wunderschöne, virtuos komponierte und gesungene Platte mit Melodien, die sich vielleicht nicht beim ersten Hören erschließen, aber nach dem zweiten und dritten Mal dafür umso nachhaltiger im Gedächtnis verhaken; ein Hochamt der gegenwärtigen Songschreiberkunst – und ein in seinem ausweglosen Narzissmus tief berührendes und deprimierendes Werk.

Das 2011er Debüt „James Blake“ war nicht weniger als epochal – so konsequent verfugte der damals 22-jährige Sänger seine musikalische Subjektivität mit den neuesten digitalen Produktionsweisen. Insbesondere seine Stimme machte er dergestalt zum ästhetischen Material, dass man nicht mehr zu erkennen vermochte, wo die Grenze zwischen ihr und den Maschinen verlief – ein Ingenieur des Ich, ein Narziss des elektronischen Lieds. Auf seinem zweiten Album, „Overgrown“ aus dem Jahr 2013, begann sich Blake andere und „fremde“ musikalische Klänge anzuverwandeln und aus der reinen Introspektion auszubrechen. Auf „The Colour in Anything“ herrscht nun aber wieder ganz der Narzissmus und die Zentrierung auf des eigene Selbst – in den Texten ebenso wie in der Musik. Trotz aller klanglichen Variationen samt Samples und prominenten Duettpartnern (Frank Ocean und Bon Iver) liegt eine monotone saturnische Farblosigkeit über der Szene.

James Blake ist ohne Zweifel einer der großen, prägenden Popkünstler dieser Dekade, eine ganze Generation ist von seiner Art des Songschreibens und seiner Verschränkung von „natürlichen“ und „artifiziellen“ Sounds inspiriert. Interessanterweise sind es in den Jahren nach seinem Debüt vor allem Frauen gewesen – Sängerinnen und Produzentinnen –, die diese Art der Ästhetik politisiert und gegenwartsdiagnostisch geschärft haben, von Holly Herndon bis zu FKA twigs, von Grimes bis zu Eartheater. Bei ihnen kommt jene Dialektik von Authentizität und Entfremdung ins Bild, die entsteht, wenn die Digitalisierung der Kunst noch in die intimsten Ausdrücke des subjektiven Begehrens und der Selbstreflexion kriecht.

Demgegenüber haben sich bisher die meisten männlichen Nachfolger James Blakes – von Jamie Woon über SOHN bis zu James Garrett – in undialektischer Weise auf die stetig verfeinerte Formulierung von Melancholie und Narzissmus beschränkt. Nicht die Reflexion der neuen digitalen Produktionsweisen steht bei ihnen im musikalischen Zentrum, sondern die reine Selbstbespiegelung und das Leiden daran, aus der Selbstbespiegelung nicht herauskommen zu können.

Auch James Blake folgt auf „The Colour in Anything“ nun dieser Linie des undialektischen männlichen Narzissmus: In der lässigen Anverwandlung der neuesten Technik für die ältesten romantischen Klagestimmungen wirkt seine Kunst heute ebenso prometheisch wie pueril, ebenso größenwahnsinnig wie kleinlaut verwinselt. Man könnte auch sagen: Die Musik, die er in die Welt gesetzt hat, wirkt heute weiser und welthaltiger als James Blake selbst. An der dritten Station seines Bildungsromans ist er zu einem Künstler geworden, der von seiner Kunst überholt worden ist – der sich selbst nicht mehr zur Gänze begreift und sich aus der von ihm erschaffenen Komplexität wieder zurück in einfachere Verhältnisse wünscht.

James Blake: The Colour In Anything. Polydor/Universal.

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