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Interview Thomas Hengelbrock „Grabenkämpfe haben in der Musik nichts verloren“

Dirigent Thomas Hengelbrock, Spezialist für historische Aufführungspraxis, über seine barocken Wurzeln, die Neugier im Orchester und die Vibrato-Frage.

20.08.2015 14:47
Stefan Schickhaus
„Als Dirigent bin ich Anwalt des Komponisten“, sagt Thomas Hengelbrock. Foto: Florence Granddidier

Herr Hengelbrock, im Januar wird Ihnen der Herbert-von-Karajan-Musikpreis verliehen. Was hätte wohl Karajan dazu gesagt, dass ein Mann aus der historisch informierten Ecke in seinem Namen geehrt wird? Wurden nicht in den 80ern, in Karajans letzten Maestro-Jahren, Leute Ihres Fachs gerne als Müsli-Musiker bezeichnet? Über Darmsaiten Witze gemacht? „Historisch“ als „hysterisch“ verspottet?
Das hat sich Gott sei Dank komplett geändert. Solche Grabenkämpfe haben in der Musik auch überhaupt nichts verloren. Vielen Musikern meiner Generation ging es damals ja nicht nur darum, ob Alte Musik adäquat gespielt wird oder nicht. Unsere Kritik war viel grundsätzlicherer Natur und richtete sich gegen einen verkrusteten, unemotionalen Musikbetrieb. Ich denke aber, das ist normal: Dass da junge Leute kommen und alles anders machen wollen. Und die Etablierten nennen sie Störenfriede und Anarchisten.

Sehen Sie in Karajan den Prototypen des Verkrusteten?
Da bin ich ganz ambivalent. Karajan hat in seinen 40ern und 50ern fantastische Sachen gemacht. Er war ein großartiger Orchesterleiter und viele seiner frühen Aufnahmen, beispielsweise der erste Beethoven-Zyklus mit seinem Londoner Orchester, dokumentieren dies. Später ging es dann aber größtenteils um Kommerz und um Verwertbarkeit von Musik. Das hörte man dann vielen Konzerten, die ich selbst in Berlin besucht habe, auch an. Dagegen haben wir Jungen dann, glaube ich, völlig zu Recht opponiert.

1985 waren Sie einer der Mitbegründer des Freiburger Barockorchesters, bis 1997 musizierten und dirigierten Sie dort. Mit Ihnen wurden die Freiburger zur Topadresse für Alte Musik. Es heißt, die Gründung fand aus einer Sektlaune heraus in der Silvesternacht statt. Brauchte man Mitte der 80er noch Alkoholunterstützung, um ein Barockorchester zu gründen?
Es ist richtig, dass ich damals mit Freunden aus der Studentenzeit gemeinsam Silvester gefeiert habe. Aber eine Sektlaune war das nicht, wir hatten schon vorher verabredet, danach in den ersten Januar-Tagen ein paar Barockwerke auf historischen Instrumenten auszuprobieren. Wir haben uns also selbstständig, ohne Anleitung von Außen, mit dem auseinandergesetzt, was man heute historisch informierte Aufführungspraxis nennt. Die ersten Konzerte waren dann so erfolgreich, dass wir das zu unserem Broterwerb gemacht haben.

Ihre ersten Erfahrungen haben Sie als Barockgeiger in Nikolaus Harnoncourts „Concentus musicus“ gesammelt. Harnoncourt und Sie gingen ja einen ähnlichen Weg: Von der Alten Musik kommend an die Pulte der größten philharmonischen Orchester – und dennoch immer noch dem Alten treu bleibend. So ist auch Ihr Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble, gegründet in den frühen 90ern, nach wie vor einer Ihrer Aktivposten. Passt der Vergleich?
Ach, das weiß ich nicht. Nikolaus ist so ein eigener Kopf, der ist völlig unvergleichbar. Ich habe ja auch viel in Holland gespielt, bei Frans Brüggen und Anner Bylsma und habe auch da viel mitgenommen. Ein eigenes Orchester zu gründen ist doch der Traum eines jeden. Mit einer eigenen Truppe kann man ohne Grenzen proben, Dinge ausprobieren und eine eigene Handschrift entwickeln. So wirklich gelernt habe ich das Metier des Dirigierens dann auch erst beim Balthasar-Neumann-Ensemble.

Was Harnoncourt aber wohl nicht mehr machen wird: Verdi-Opern auf Originalinstrumenten oder sogar einen authentisch bestückten „Parsifal“, wie Sie ihn 2013 mit dem Balthasar-Neumann-Ensemble realisierten. War in der Silvesternacht 1985 der Sektkonsum so hoch, dass Sie sich das damals schon vorstellten konnten?
Nein, das hätte ich mir damals nicht vorstellen können, wenngleich die Gründung des Balthasar-Neumann-Chors und -Ensembles nur zehn Jahre später aus dem Bedürfnis heraus entstand, die Erkenntnisse auf Musik allgemein anzuwenden. Und nicht bei der Barockmusik stehen zu bleiben. Mittlerweile macht das Freiburger Barockorchester das ja auch, aber damals war das dort noch nicht mehrheitsfähig. Ich selbst komme ja auch mindestens so sehr aus der romantischen und der zeitgenössischen Musik, habe viel mit Luigi Nono und Witold Lutoslawski zusammengearbeitet. Die Beschäftigung mit der Alten Musik war da auch das Resultat einer Krise gewesen, die ich hatte, sobald ich diese Musik spielte. Ich wusste: So, wie du das spielst, mit so viel Vibrato, unphrasiert und gefühlig, so geht das nicht! Ich kam also sozusagen aus dem anderen Lager – und genau dieses Lagerdenken gibt es heute nicht mehr. Wenn ich heute mit meinem NDR Sinfonieorchester oder irgendwo anders als Gastdirigent ein klassisches Werk einstudiere, sind die Musiker alle neugierig. Da gibt es keinerlei Widerstände mehr. Jeder spürt: Das ist so lebendiger und dem Stück adäquater. Gute Musiker spüren das.

Seit 2011 sind Sie Chefdirigent des NDR Sinfonieorchesters. Da wurde zum ersten Mal ein Mann der Alten Musik Chef eines deutschen Rundfunkorchesters. Wurden Sie Chef in Hamburg, weil man betont einen historisch Informierten haben wollte?
Nein, das glaube ich nicht. Auf unser erstes gemeinsames Projekt, ein Mendelssohn-Beethoven-Programm im Jahr 2009, hat das Orchester sehr begeistert reagiert. Bei der ersten Wiedereinladung dirigierte ich Bartók, auch das kam gut an. Ich habe aber auch gleich gesagt, als mir der Chefposten angeboten wurde: Ich will in Hamburg vier Jahrhunderte Orchesterliteratur dirigieren, nicht nur eineinhalb. Und das macht mit diesem Orchester eine irrsinnige Freude. Die haben einfach Lust auf Naturtrompeten und klassische Bögen.

Wenn Sie mit dem NDR-Orchester Wiener Klassik oder Deutsche Romantik erarbeiten: Ist der „historisch Informierte“ in Ihnen da immer aktiv? Oder sagen Sie: Einem traditionellen Sinfonieorchester muss man das Vibrato auch mal zugestehen.
Mein Ansatz war, ein Stück immer so zu ergründen und aufzuführen, wie es sich der Komponist gedacht hat. Als Dirigent bin ich Anwalt des Komponisten. Und habe den Anspruch, wie übrigens ganz, ganz viele andere Dirigenten auch, das Werk im Sinne des Komponisten aufzuführen. Wobei manche Dirigenten barocke und klassische Werke meiden, weil sie sich dafür einfach nicht kompetent genug fühlen. Aber wer das dirigiert, überlegt sich heute genau, wie er es macht.

Und wie er sein Orchester besetzt. In den 80ern war klar: Ein Sinfonieorchester spielt jedes Werk mit dem gleichen Instrumentarium und meist in philharmonisch breiter Besetzung. Da hat sich ja viel verändert. Heute spielt das Philharmonia Orchestra London unter dem gar nicht Alte-Musik-verdächtigen Esa-Pekka Salonen Beethovens Eroica mit Naturhörnern, aber in Riesenbesetzung mit 16 Ersten Violinen und acht Kontrabässen. Ein hr-Sinfonieorchester dagegen, so hat es Andrés Orozco-Estrada angekündigt, wird halbiert, wenn Beethoven auf dem Programm steht. Fast jedes Opernorchester hat schon Barockbögen im Angebot, wenn es um Barockopern geht.
Mittlerweile geht das auch von den Orchestern selbst aus, viele bieten ein solches Instrumentarium von sich aus an. Denn die Musiker empfinden es als Bereicherung, sich mit der Geschichte ihres Instruments auseinanderzusetzen. Neulich sagte mir ein älterer Hornist, es sei so befruchtend, die Erfahrung Naturhorn zu machen, und er bedaure, dass er 64 Jahre alt und damit kurz vor der Pensionierung ist. Musiker entdecken ihr Verhältnis zu dem, was sie tun, neu. Um diese Neugier geht es, nicht um die möglichst hohe historische Genauigkeit.

Natur-Blechbläser in Traditionsorchestern: Eine unumkehrbare Entwicklung oder eine Mode?
Zu jeder Bewegung gibt es den Rollback. Kontinuierlich gab es und wird es Dirigenten geben, die sagen: Bitte nicht so. Die werden von Ihnen und Ihren Kollegen aus dem Feuilleton aber dann auch entsprechend rangenommen. Wobei ich schon auch der Meinung bin: Man kann mit ganz modernem Instrumentarium höchst aufregende Interpretationen zustande bringen. Auf der anderen Seite spielen heute viele junge Barock-Musiker mit ihren Ensembles zwar auf werkadäquatem Instrumentarium, erarbeiten ihre Interpretationen aber gar nicht mehr selbst. Sie lesen nicht, forschen nicht mehr selbst, sondern kopieren oft nur. Wenn ich bedenke, wie wir damals in Bibliotheken nächtelang Partituren und Einzelstimmen abgeschrieben haben, weil die nicht gedruckt vorlagen: Dieses Gefühl des selbst Erworbenen, ja Handgemachten, möchte ich niemals missen.

Als eine uneinnehmbar wirkende Burg für die historisch informierte Aufführungspraxis erscheinen die Bayreuther Festspiele, Sie dirigierten 2011 dort den „Tannhäuser“. Wird der grüne Hügel je im sogenannten Originalklang bespielt werden?
Als ich vor zwei Jahren den „Parsifal“ mit historischen Instrumenten aufgeführt habe, saßen etliche Leute aus dem Freundeskreis der Bayreuther Festspiele im Publikum, die dem Projekt anfangs skeptisch gegenüberstanden. Doch von vielen hörte ich dann nach unseren Konzerten, es wäre doch eine tolle Idee, das einmal im Graben des Festspielhauses auszuprobieren und zu hören, welchen Effekt das machen würde. Erhellend wäre es in jedem Fall.

Sie sind das Aushängeschild für die Cuban-European Youth Academy, die derzeit im Rahmen des Rheingau Musik Festivals stattfindet. Da kommen junge Musiker aus Kuba, werden von Ihnen zu einem Orchester zusammengeschweißt und sollen auch noch Erfahrungen sammeln mit historischem Instrumentarium. Wer ist denn offener gegenüber der Darmsaiten-Violine: Der junge Kubaner oder der altgediente Hamburger NDR-Sinfoniker?
Für die Kubaner war das natürlich komplettes Neuland. Ich war ja selbst in Havanna und habe erfahren: Die Neugierde auf Musik, auf Austausch, auf einen Dirigenten und Musiker aus Europa, ist überwältigend. Die Arbeit, die wir da gemacht haben, war so erkennbar sinnvoll, dass ich froh bin, diese jetzt im Rheingau fortsetzen zu können. Dass wir dabei die jungen Menschen mit dem Spielen auf historischen Instrumenten in Verbindung bringen, ist für mich eine absolute Selbstverständlichkeit. Das sollte von Anfang an bei jeder Ausbildung, egal wo, mit dazugehören.

Interview: Stefan Schickhaus

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