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"Idomeneo" Kindermord, Vatermord und Donnergrollen

Benedikt von Peter und Patrick Lange zeigen Mozarts „Idomeneo“ an der Komischen Oper Berlin als feinnerviges psychologisches Kammerstück.

19.05.2011 22:02
Jürgen Otten
Rainer Trost gibt den Idomeneo. Foto: dapd

Da sitzen sie, die Menschen von Kreta. Sitzen auf hundert Stühlen, zusammengepfercht auf einem Floß oder Schiffswrack mit abgebrochenen Planken (Bühne: Annette Kurz), und warten auf ihren König Idomeneo. Noch ist kein Ton erklungen, aber schon bei diesem stummen Beginnen weiß man: Hier geht es um eine Ratlosigkeit im Umgang mit dem Schicksal, die absolut elementar ist und existenziell. Denn mag der Krieg von Troja auch vorbei sein, das Ende der Gewalt ist noch lange nicht in Sicht. Entsprechend eisig pfeift der Wind um die Ecke.

Auch die Ouvertüre, die danach anhebt, klingt so: Kalt wie der Tod, unbehaust. Aber das ist richtig, wie überhaupt alles, was Patrick Lange in den kommenden dreieinviertel Stunden macht, phänomenal richtig ist. Denn die Musik weiß etwas, was die Inselbewohner noch nicht wissen können. Sie weiß, dass grausames Ungemach droht, dass Idomeneo, um sein Leben zu retten, eines opfern wird. Dass es ausgerechnet sein Sohn ist, Idamante, macht die Schuld nicht größer.

Die meisten Inszenierungen dieses tiefschürfenden Dramma per musica zeigen uns den König von Kreta als starken Mann, der zur Schwäche verdammt ist durch Poseidons Potenz. Benedikt von Peter zeigt den König, den Rainer Trost mit einem eindrucksvollen vokalen wie schauspielerischen Porträt höchst plausibel zeichnet, als gebrechlichen Greis, der alles, was Macht bedeutet, längst eingebüßt hat. Er verlegt die Geschichte nach hinten, um sie von dort aufzurollen. „Idomeneo“ als Erinnerung eines alten Mannes, der am Meer sitzt und immer noch nicht fassen kann, was er einst getan.

Die Idee ist genialisch. Sie entkommt dem Schema des Gegensatzes von Macht und Ohnmacht, die dem „Idomeneo“ häufig innewohnt, weil sie die Perspektive auf das psychologische Protokoll, das diese Oper vor allem ist, weitet. Von Peter und sein Dramaturg Werner Hintze haben, um das zu untermauern, am Stück ein wenig herumgeschraubt. Ein Kind (das der Ilia und des Idamante) ist hinzugefügt als Metapher für geschichtliche Kontinuität, zwei Figuren sind eliminiert (Arbace und der Oberpriester), deren Worte der Titelfigur oder Elektra in den Mund gelegt. Elektra selbst ist in an diesem Abend eine der zentralen Figuren im Spiel, das hier Quartett heißt. Die Tochter der Klytämnestra und des Agamemnon, von Erika Roos mit hoher Präsenz und in ihrer Bravourarie im dritten Akt mit enormem Furioso ausgestattet, sie ist allgegenwärtig. Wie ein lebendiges Mahnmal schleicht sie um den König, haucht ihm Worte und Gedanken ein, gibt sich als Poseidons Botschafterin zu erkennen, bohrt in seinem schlechten Gewissen herum, um dann, wenn es ernst wird, doch nur das Prinzip göttlicher Rache als das ihrige zu formulieren.

Die gesellschaftliche Note der Oper ist damit ein Stück weit zurückgedrängt, wir sehen und hören „Idomeneo“ als feinnerviges psychologisches Kammerstück, das die gesellschaftliche Problematik konzentriert wiedergibt, weil sie sich im Kern auf die Frage fokussiert: Was geschieht, wenn nicht Liebe regiert, sondern vermeintlich schicksalhafte Ungerechtigkeit, aber Menschen sich dagegen auflehnen.

Besonders im Verhältnis von Vater und Sohn ist dies den ganzen Abend über virulent. Für Idamante (luzide: Karolina Gumos) ist Idomeneo der fremde Freund, dem er gern seine Vorstellungen von Vernunft unterbreiten würde. Für Idomeneo ist Idamante der geliebte Fremde, von dem er weiß, dass er ihn opfern wird, weil er ihn opfern muss. Zueinander können sie nicht kommen: Ihre ethischen Währungen sind nicht kompatibel.

Beide wissen das. Deswegen mag der Deus ex machina, der als dumpfes Donnergrollen in der klanglosen Dunkelheit erscheint, noch so einschneidend dazwischen fahren, als Idomeneo das Messer bereits angesetzt hat, um seinen Sohn zu töten. Die Entfremdung zwischen ihnen ist und bleibt gewalt(tät)ig. Gewiss, sie tragen fast identische Kleider (Kostüme: Annelies Vanlaere), doch das ist das Einzige, das sie verbindet. Idomeneo steht auf einem Stuhl und schaut ins Nirgendwo, Ilia auf einem Stuhl daneben. Zwischen ihnen ihr Kind. Ein lieto fine sieht anders aus.

Ein König, allein in Kreta. Auch das Volk, das durch die formidable Personenführung eine starke Komponente bildet in dieser Inszenierung, hat sich abgewandt. Jene aber, die ein Werk als szenisch wie musikalisch durchdrungenes erleben wollen, sind hier richtig.

Komische Oper Berlin: 20., 29. Mai, 2., 12. Juni. www.komische-oper-berlin.de

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