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HR-Sinfonieorchester Wechsel zum breiten Pinsel

Eliahu Inbal nimmt das HR-Sinfonieorchester fein zurück und lässt Bläser und Celli markante Akzente setzen. Und die bekannte Strauss- und Wagner-Interpretin Iris Vermillion gestaltet den Vokalpart mit inniger und ungemein intonationssicherer Stimme.

11.03.2011 17:12
Gerd Döring

Kurzfristig Ersatz zu finden, ist für jeden Veranstalter problematisch. So manches Mal muss man Kompromisse eingehen. Nicht so beim Hessischen Rundfunk, denn mit Iris Vermillion, die für zwei Konzerte in der Alten Oper für die erkrankte Nicole Stutzmann eingesprungen ist, hat man einen Glücksgriff getan. Die bekannte Strauss- und Wagner-Interpretin gestaltet den Vokalpart im Sinfoniekonzert des HR mit inniger und ungemein intonationssicherer Stimme.

Ihre anrührende Interpretation der „Kindertotenlieder“ von Gustav Mahler ist es denn auch, die diesen Abend zu einem besonderen macht. Das Sinfonieorchester des HR, das Eliahu Inbal ja lange Jahre leitete, legt hier unter der akribischen Regie seines Ehrendirigenten einen hochromantischen Teppich aus und die Sängerin formt Melodie und Text zu einer stimmiger Einheit. Vom einleitenden „Nun will die Sonn’ so hell aufgeh’n“ bis zu den letzten, so dunklen Versen findet sie den rechten Ausdruck für die herben Rückert-Vertonungen. Inbal nimmt sein Orchester fein zurück und lässt Bläser und Celli markante Akzente setzen.

Nicht minder eindringlich erklangen zuvor die „Sechs Stücke für Orchester“ Anton Weberns, fein ausgearbeitete Miniaturen, die noch im kleinsten Detail stimmig nachgezeichnet wurden.

Ganz anders und mit weit breiterem Pinsel dann die Musik nach der Pause. Hier dröhnen die Bläser im Gleichklang, und die Streicher fiedeln unisono ihre Bögen heiß. Die Sinfonie Nr. 12 d-Moll op. 112 von Dmitri Schostakowitsch, alle vier Sätze ineinander gegossen, feiert mit großem Pomp die russische Oktoberrevolution. Sie beginnt turbulent und quirlig im aufgewühlten Petrograd und schildert dann blumig den Revolutionär Lenin in seinem Versteck.

Vor dem Finale, das Schostakowitsch ohne Ironie mit „Morgenröte der Menschheit“ betitelt hat, erleben wir lautmalerisch den Beginn der Revolution, verkörpert durch die (Schlagwerk-)Salven aus den Kanonen des Panzerkreuzers Aurora. Ein pralles Historiengemälde, das Schostakowitsch just zu jener Zeit veröffentlicht hat, als er auch Mitglied in der Kommunistischen Partei der Sowjetunion wurde.

Aus dem oft gescholtenen Werk wird bei Inbal eine romantische Angelegenheit, die nach Filmmusik Erich Wolfgang Korngolds klingt und rührend harmlos daherkommt. Vergeblich sucht man hier nach Zweifel oder gar ironischen Zwischentönen. Nicht von ungefähr wurde das Werk in der Sowjetunion gerne gespielt, wenn Paraden oder Ordensverleihungen anstanden. Umso erstaunlicher der ungestüme Beifall für diese Revolutionsballade vom Frankfurter Publikum.

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