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HR-Sinfonieorchester „Salome“ Abgründe der Liebe

Das HR-Sinfonieorchester mit einer konzertanten „Salome“ in der Alten Oper Frankfurt: herrlich ausgeruht die Titelpartie, stimmig überhaupt alle wesentlichen Komponenten, und Andrés Orozco-Estrada ließ sich die Orchesterwucht nicht nehmen.

12.09.2016 16:52
Hans-Klaus Jungheinrich

Ein Starauftritt bei den Salzburger Festspielen mit Anna Netrebko wurde im vorigen Monat zum abschreckenden Beispiel, wie (anlässlich von Puccinis „Manon Lescaut“) das Format der konzertanten Operndarstellung auf den Hund gebracht werden kann – durch alberne Hampeleien und echauffierte Halbspielereien, geeignet nur, um den ganzen Eindruck zu verderben.

Dagegen jetzt „Salome“ in der Alten Oper als (bald auch als CD vorliegende) Extraproduktion des HR und mit dessen Sinfonieorchester: ein trotz kleiner dramatischer Andeutungen auf die Musik konzentrierter Ablauf ohne privattheatralische Eitelkeiten. Das halbkomische, eher groteske Paar Herodes/Herodias noch am aufgezwirbeltsten: er (Peter Bronder) als heftig, aber wirkungsvoll chargierender Charaktertenor, sie (Michaela Schuster) ein ihre mächtige Stimme souverän einsetzendes Monument der tödlichen Gelassenheit.

Von der Seite her in religiösem Eifer zeternd das „Judenquintett“. Geschickt neben der relativ unaufdringlichen, vielleicht aber auch überflüssig buntigen Lichtgestaltung die räumlich differenzierten Präsenzen des Jochanaan (Regieassistenz: Rebekka Bienek), nicht aus unterirdischer Gruftigkeit, sondern von einer weit entfernten Rangposition her. Erst recht an der Rampe vermittelte der kraftvoll heldische Bariton Wolfgang Koch die Fülle seiner visionären Bekundungen.

Richard Strauss paktiert in dieser glitzernden, aber auch leidenschaftlich und grell aufflammenden Jugendstilpartitur (mit nervös auf Trab gebrachtem Wagner’schen Leitmotiv-Furor) gewiss mehr mit der pittoresk morbiden Sphäre am heidnisch-orientalischen Königshof als mit der härenen Botschaft des Wüstenpropheten Johannes, ohne ihn doch merklich karikaturistisch zu verkleinern.

Driftende Tonalität

Es bleibt die ins Simple driftende Tonalität dieser Partie immer im Rahmen des Würdevollen. Vokal eindringlich auch Salomes unglücklicher Verehrer Narraboth (Benjamin Bruns) und der vergeblich mahnende Page (Claude Eichenberger). Herausragend besetzt die beiden Nebenrollen der Nazarener mit Sung Ha (Bass) und Markus Grassmann (Tenor).

Die wichtigsten Komponenten jeder „Salome“-Wiedergabe überzeugten auch diesmal besonders. Die HR-Sinfoniker und ihr Chefdirigent Andrés Orozco-Estrada ließen sich Wucht und Grandeur der orchestralen Diktion nicht nehmen – freilich brauchte es eine Weile (etwa bis zum Nachspiel des Jochanaan-Abgangs vor dem Auftritt des Königspaares), bis die schneidende Schärfe des Klanges voll erreicht war (der kleine Orgeleinsatz bei „geheimnisvolle Musik“ war offenbar gestrichen).

In jedem Moment überzeugend vor allem die Titelsängerin, die Amerikanerin Emily Magee, eine klar ansprechende, gewaltige, auch unermüdbare Sopranstimme, die auch im Orchestertutti nicht untergeht. Faszinierend malten sich in ihrem Gesicht die Durchtriebenheit, die Launen, die Zickigkeiten einer verwöhnten Prinzessin, und man wunderte sich fast, wie mädchenhaft und sympathisch ihre Züge beim Schlussapplaus wirkten.

Da sie, anders als eine Bühnen-Salome, beim Tanz „ausruhen“ konnte, war ihr immenser, emphatischer Schlussgesang (wo der Komponist das Geheimnis der Liebe über die Abgründe der Perversion triumphieren lässt) hier ohne Kürzung möglich – eine atemberaubende Langstrecke des immer von Frauenstimmen kreativ betörten Strauss.

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