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HR-Sinfonieorchester Im Strudel der Zeit

Das HR-Sinfonieorchester mit einer bemerkenswerten Uraufführung in Frankfurts Alter Oper.

09.11.2015 13:28
Bernhard Uske
Alice Sara Ott im HR-Sinfoniekonzert in Frankfurt. Foto: Anna Meuer

Uraufführungen im Rahmen traditioneller Sinfoniekonzerte stehen immer am Beginn des Programms: weniger wohl als Aufwärmer denn als Einschleicher für ein wegen der noch kommenden sinfonischen Leckerbissen für Ungewohntes gnädig gestimmtes Publikum. Meist sind es kurze Stücke einer flächigen, klangmalerischen Fasson – eher designerische Kreation denn ausdifferenzierte Komplexion.

Im Sinfoniekonzert des Hessischen Rundfunks im Großen Saal der Alten Oper fand jetzt solch eine Uraufführung statt: die Präsentation eines Auftragswerks des Senders und naturgemäß zu Beginn des Abends. Aber das war nicht das Übliche, was dabei zu Gehör gebracht wurde. Hier ragte etwas nicht nur wegen der vergleichsweise langen Spieldauer von gut 17 Minuten aus dem Erwarteten heraus. Es war vor allem die Gestalt von „Falling Time to the End“ des 50-jährigen Atsuhiko Gondai aus Japan, die verblüffte.

Monströse Proportionen

Ein riesenhaftes Orchester bewegt sich in seinen diversen Stimmen in einem ununterbrochenen und endlos wirkenden Abwärtsprozess wie in einem monströsen Proportions-Kanon. Das Ganze bewegt sich, aber es bewegen sich eben auch durch dieses Ganze hindurch die einzelnen Stimmen in ihren Tonschritten. Die sich immer wieder neu in den Strudel absteigender Ton-Skalen einmischen und in ihn hinein gezogen werden. Dabei entstehen stark variierende Oberflächen mal schillernder und gleißender, dann wieder brodelnder und rauschender Art. Ein polymorphes, auslaufendes Geschehen, eine Entropie, die höchste Attraktivität in der orchestralen Erscheinung hatte. Chefdirigent Andrés Orozco-Estrada hielt peinlich genau die taktierende Aufsicht über diesem so naturwüchsig scheinenden Konstruktivismus und setzte ihn bestens in Szene.

Das tat er auch bei Peter Tschaikowskys 1. Klavierkonzert, wo Alice Sara Ott ideal ansprach auf einen Ansatz, der alles Reißerische oder Sülzige tradierter Interpretation fernhielt. Eine Pianistin, die trotz ihres Dark-Lady-Looks weder mit der klavieristischen Peitsche knallte oder mit der Kette rasselte. So abgeschwollen und idiomatisch differenziert wie sie spielte, war das ein Werk mit nostalgischen, mit puppenhaften und pittoresken, mit ballettuösen Attitüden – ein wunderbar entspanntes, Tschaikowsky-gerechtes Konzertieren.

Zuletzt ließ Orozco-Estrada die 1. Sinfonie von Johannes Brahms im engen metrischen Geschirr traben, fein ausgesungen im Andante sostenuto, aber ansonsten eher glatt auf bekanntem Interpretations-Parcours.

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