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HR-Sinfonieorchester Europäischer Spagat

Von den vermeintlichen Rändern: Ein triumphales letztes HR-Saisonkonzert mit Andrés Orozco-Estrada in der Alten Oper Frankfurt.

10.06.2016 16:38
Hans-Klaus Jungheinrich
Andrés Orozco-Estrada, als er sich als neuer Chef der HR-Sinfoniker vorstellte. Foto: Andreas Arnold

Ein attraktives Programm, ein phantastisch gelungener Saisonabschluss. Die HR-Sinfoniker zeigten sich im jüngsten Konzert in der Alten Oper Frankfurt unter der Leitung ihres Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada in brillantester Form. Mit Werken von Bohuislav Martinu, Leos Janácek und Manuel de Falla wurde ein europäischer Spagat vollzogen, der die gewohnte deutsch-österreichische Symphonik aussparte und gewissermaßen exemplarisch zeigte, wie im frühen 20. Jahrhundert in vermeintlich randständigen Gebieten wie Tschechien und Spanien „große“ Musik entstand.

Tschechien randständig? Ist die tschechische Musik aber nicht auch zutiefst „deutsch“ beeinflusst? Das gilt für den Panslawisten Janácek kaum, und vor allem seine düstere Rhapsodie „Taras Bulba“ um den ukrainischen Kosakenhelden und Kämpfer ist in ihrer rauen écriture und unnahbaren Hymnik ganz weit von idealtypischen Mitteleuropa-Vorstellungen (wie etwa Claudio Magris sie vertritt) entfernt.

Weniger schartig die Satz- und Instrumentationskunst des ebenfalls im Osten unseres Nachbarlandes (fast schon in Mähren) geborenen Martinu, der freilich ebenfalls die für seine Landsleute gewohnheitsmäßige Orientierung an der deutschen Musikkultur zugunsten einer umfangreichen Lehrzeit in Paris aufgab. Deren schönstes Ergebnis, in Frankfurt wohlbekannt, war die surrealistische Oper „Julietta“.

Sehnsucht nach Heimat

In der in Amerika geschriebenen 1. Sinfonie (1942) wird der robust neoklassizistische Duktus quasi weichgespült mit chromatisierend-koloristischen Elementen, die dem Ganzen ein virtuoses oder gespenstisches Flirren mitteilen. Unüberhörbar die melodischen Spuren der tschechischen Volksmusik – Sehnsuchts-Zeichen einer unerreichbar gewordenen Heimat. Orozco-Estrada und das Sinfonieorchester realisierten Feinzeichnung und dynamische Aufbäumung mit äußerster Hingabe. Alles auch Resultat von offenbar vorzüglicher Probenarbeit. Ein Eindruck, der die Zuhörer sogleich zu Begeisterungsstürmen veranlasste.

Nicht weniger hochrangig die „Taras Bulba“-Interpretation nach der Pause. Das Zackige, Abrupte dieser Tonsprache hatte hier nichts von kahler Monumentalität, war vielmehr durch akribische Aufmerksamkeit für die kleingliedrig ornamentierenden Melodiefragmente belebt. Eine grandiose Leistung.

Von weitaus mehr als bunt-klischeehafter Postkartenfolklore bewegt sind auch die Partituren Manuel de Fallas. Nah an Ravels Poetik vor allem der letzte der drei „Dreispitz“-Tänze, die den Konzertausklang bildeten, ein in mehreren Anläufen fast ins Katastrophische kippendes Paradestück, ein quasi an den Sternenhimmel versetzter „Carmen“-Escamillo. Gebändigter geht es zu in den magisch beleuchteten „Nächten in spanischen Gärten“, einer impressionistischen Beschwörung von Landschaften, Düften und Lichtnuancen mit solistischem Klavierpart.

Dessen präzis ausbalancierte Koloristik wurde von dem spanischen Pianisten Javier Perianes minuziös nachempfunden, wobei die fast klirrende Substantialität der Einzelklänge und Klangkaskaden dominierte gegenüber der Tendenz zur Farbangleichung mit den Orchestergestalten.

Diesen gab auch Orozco-Estrada filigrane Durchsichtigkeit und zugleich geschärfte Kontur. So galt für die Musik de Fallas an diesem Abend dasselbe wie für Martinu (von dem das HR-Orchester eine Gesamtaufnahme der sechs Sinfonien plant) und Janácek: Ernstfälle, bis ins letzte ausgelotet.

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