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HR-Sinfonieorchester Ein Orchester wie eine Zeitmaschine

Andrés Orozco-Estrada tritt sein Amt als Chefdirigent des HR-Sinfonieorchesters an und spricht über seine Sicht auf Klassiker und die Intensität des Dirigierens.

21.08.2014 15:35
Stefan Schickhaus
„Auf einem Video sehe ich mich nicht gerne dirigieren. Meine eigenen Aufnahmen höre ich dagegen recht gerne an“, sagt Andrés Orozco-Estrada. Foto: Andreas Arnold

Aufgeweckt, offenherzig, temperamentvoll gestikulierend: Nach dem eher introvertiert und kühl wirkenden Esten Paavo Järvi hat das HR-Sinfonieorchester mit dem 36-jährigen Kolumbianer Andrés Orozco-Estrada einen Chefdirigenten bekommen, der Südamerika im Herzen und Wien im Kopf hat. Und der nach dem Interview gleich beide Hände zum Abschied reicht.

Herr Orozco-Estrada, bei der Fußball-Weltmeisterschaft hieß es ja nach den ersten Spielen, sie werde die WM der lateinamerikanischen Mannschaften. Analog dazu heißt es nun, es breche die Ära der südamerikanischen Dirigenten an – und neben Gustavo Dudamel und Giancarlo Guerrero wird dann immer Ihr Name genannt. Wie die WM letztlich ausging, ist bekannt. Wie aber sieht es mit dem Siegeszug der Dirigenten aus?
Der Vergleich ist sehr nett, aber es sieht doch etwas anders aus. Bei der klassischen Musik zählt weniger der einzelne Moment wie bei einer WM, auch nicht das Quäntchen Glück, sondern eine ganze Reihe anderer Parameter. Für die deutsche Mannschaft, um im Bild zu bleiben, liegt in der Waagschale die ungeheuer starke Tradition. Was Dirigenten wie ich nun mitbringen können, ist Innovation. Die Möglichkeit, diese Musik mit einem neuen Schwung zu präsentieren, mit einem neuen Blick auf die Werke. Um für mich zu sprechen: Ich lebe seit 15 Jahren in Europa, habe vor ein paar Wochen sogar die österreichische Staatsbürgerschaft bekommen. Ich habe die klassische Musik in Kolumbien kennengelernt, habe aber das Dirigieren in Wien studiert, mit all den dazugehörigen Strukturen und Traditionen. Genau diese Kombination möchte ich verkörpern und an meine Musiker vermitteln.

Ein Dirigent aus Südamerika muss ein Tänzer am Pult sein, vor Energie sprühen, Hitze entwickeln – ein Klischee, und doch wird dieses Bild von Ihnen voll umfänglich eingelöst. Haben Sie das Temperaments-Gen?
Natürlich, bestimmt. Aber ich setze das nicht bewusst ein. Im Gegenteil: In letzter Zeit stelle ich fest, dass hier manchmal weniger mehr ist. Je besser das Orchester ist, desto weniger muss ich mich körperlich einbringen. Die Musiker sind dann vielleicht sogar freier, übernehmen mehr Verantwortung – das kann alles sein.

Kontrollieren Sie das selbst? Quasi mit Blick von außen?
Ich sehe das sozusagen durch das Ergebnis. Aber beispielsweise auf einem Video sehe ich mich nicht gerne dirigieren. Meine eigenen Aufnahmen höre ich dagegen recht gerne an und fühle mich positiv überrascht. Was ich unter dem Südamerikanischen verstehe, man kann es Temperament nennen oder Charisma, ist: die Intensität – und die ist mir wichtig. Nehmen wir einen Dirigenten wie Christian Thielemann: Er bewegt sich anders, statischer, manche sagen: weniger schön. Aber es wirkt genau so intensiv, und das gefällt mir. Oder Carlos Kleiber oder Leonard Bernstein: Ihre Bewegungen waren oft alles andere als klassisch, aber immer faszinierend intensiv.

Sie übernehmen jetzt das Amt des Chefdirigenten des HR-Sinfonieorchesters von Paavo Järvi, der sich ja am Taktstock deutlich kühler zeigt. Meinen Sie, das Orchester hat jetzt den Wunsch nach mehr Feuer?
Ich kann da nicht im Namen des Orchesters sprechen, aber es kann schon sein. Denn bei jedem Wechsel, im Leben wie im Beruf, sucht man ja immer auch das Neue, ohne das Alte ganz zu verlieren. Die neue Freundin darf nie genauso sein wie die letzte, wir kennen das doch alle.

Mit dem Tonkünstlerorchester Niederösterreich, dessen Chef Sie vor Ihrem Wechsel nach Frankfurt waren, haben Sie viel Mozart dirigiert, Sie haben die Orchesterbesetzung manchmal auch halbiert, um einen möglichst transparenten Mozart-Klang zu bekommen. Sind die spätromantisch bestückten Orchestergebilde wie das HR-Sinfonieorchester einfach zu klangmächtig für die Klassiker?
Der Musik der Wiener Klassiker kommt diese Größe sicher nicht zugute. Man kann es trotzdem machen, wenn man die Artikulation entsprechend sorgfältig pflegt. Ich werde aber die Besetzungsgröße jedenfalls dem Repertoire anpassen, auch jetzt schon bei der „Ersten Walpurgisnacht“ von Mendelssohn heute in Kloster Eberbach.

Mit Hugh Wolff hatte das HR-Orchester vor Järvi schon einmal einen Dirigenten, der Haydn und Mozart und den pointiert-klaren Klang liebte, der die Blechbläser auf ventillosen Naturinstrumenten spielen und die Pauker mit kleinen Schlägelköpfen schlagen ließ. Wie stehen Sie zur Rückbesinnung – oder Neubesinnung – aufs historisch informierte Klangbild? Schließlich haben Sie lange in Wien gearbeitet, der Stadt des großen Nikolaus Harnoncourt.
Ich bin sehr froh, dass das HR-Sinfonieorchester genau das anbietet. Ich liebe den Klang von Hörnern ohne Ventile bei einer Haydn-Sinfonie. Ich bin kein Spezialist für Alte Musik, kein Harnoncourt oder Gardiner, aber ich lerne von diesen Meistern. Selbst wenn ich wollte: Ich kann nicht wegschauen. Es ist einfach eine absolute Bereicherung unserer Arbeit. Und ich bin Hugh Wolff dankbar, was er da initiiert hat.

Ist das Verständnis für diese besondere Klassiker-Interpretation im Orchester noch da?
Auf jeden Fall. Obwohl Paavo Järvi das hier ja weniger gepflegt hat, interessanterweise. Es ist nicht so, dass Järvi daran kein Interesse hat, mit seiner Kammerphilharmonie Bremen hat er ja so gearbeitet. Einer der Gründe, warum ich so gerne nach Frankfurt gekommen bin, ist eben diese Intelligenz und Flexibilität des Orchesters, Barockmusik genau so stilgenau zu spielen wie Spätromantisches oder Modernes. Das HR-Orchester kann alles sofort abrufen: Als wir jetzt Mendelssohn probten, musste ich nur einmal sagen, bitte keine langen, romantisch-breiten Striche, und ich habe es sofort bekommen. Da reist man wie in einer Zeitmaschine einfach mal 100 Jahre zurück, das ist fantastisch. Das bietet nicht jedes Orchester.

Damit wir uns ein Bild machen können davon, was uns erwartet: Wenn Sie wählen zwischen Mahler (dem Brüchigen) und Strauss (dem Opulenten), welchen nehmen Sie und warum?
Oje, da nennen Sie zwei Komponisten, die ich nie gegeneinander ausspielen möchte. Sagen wir so: Mahler gehört zur Geschichte dieses Orchesters, und ich möchte meinen Teil an der Geschichte gerne auch fortschreiben. Da aber in den letzten Jahren hier doch sehr viel Mahler gespielt wurde, nutze ich die Gelegenheit, um eine Tür zu Strauss öffnen, und zwar gleich jetzt im Rheingau mit seiner ersten Symphonischen Dichtung, „Macbeth“.

Zwischen Tschaikowsky (dem Eleganten) und Schostakowitsch (dem Grotesken)?
Im Moment lieber Schostakowitsch. Nicht nur, weil ich noch wenig von ihm dirigiert habe, sondern auch, weil ich denke, dass er zum Klang dieses Orchesters sehr gut passen würde. Diese Mischung aus Modernität und Ironie würde hier sehr gut funktionieren.

Und zwischen Mendelssohn, den Sie ja als einen Ihrer besten Freunde unter den Komponisten bezeichnen, und dem guten alten Bekannten Beethoven?
Das sind schwere Entscheidungen! (Rauft sich die Haare) Da muss ich pragmatisch sein: Ich werde hier etwas weniger Mendelssohn machen, weil ich sehr viel Mendelssohn in Wien dirigiert habe. Dafür werde ich einen Beethoven-Zyklus dirigieren, denn so etwas gab es beim Hessischen Rundfunk schon lange nicht mehr. Wir werden das Orchester aufsplitten und können so innerhalb einer Woche vier Sinfonien aufführen.

Sie übernehmen gleichzeitig die Leitung des Houston Symphony Orchestra und werden demnächst erster Gastdirigent des London Philharmonic Orchestra sein. Wenn Ihnen ein Werk vor Augen steht, sagen wir eine Bruckner-Sinfonie oder ein Mendelssohn-Oratorium: Nach welchen Kriterien ordnen Sie es einem der drei Orchester zu? Wer kann was am besten?
Beethoven zum Beispiel dirigiere ich überall, weil es wichtig für jedes Orchester ist, seine Sinfonien zu erarbeiten. Mit Beethoven kann man am besten eine gemeinsame Sprache entwickeln. Und Musik ist ja nichts anderes als ein gemeinsames Sprechen in Tönen. Ansonsten: Ich schaue auf die Geschichte des jeweiligen Orchesters, auf das, was bisher dort gegeben wurde. Natürlich auch auf die jeweiligen Qualitäten, aber die sind bei allen drei Orchestern derart hoch, dass ich nirgends Sorge haben muss. Anders steht es mit der Sicht auf die Musik: In Amerika ist das Verständnis weniger vorhanden, etwa eine Haydn-Sinfonie in meiner Klassik-Sichtweise zu spielen, also beispielsweise mit wenig Vibrato.

Sind Naturhörner, straffe Tempi und kleine Besetzungen in den USA dem Publikum und den Musikern nicht vermittelbar?
Das Publikum wäre vielleicht froh darüber, auch wenn ihm das Wissen um die Hintergründe fehlen würde. Die Musiker dagegen, auch wenn sie offen dafür wären, täten sich schwer. Der Umbruch hat noch nicht stattgefunden. Die Trompeter wurden noch nicht auf Naturinstrumente neugierig gemacht, es fehlen das Material und die Praxis. So etwas kann man nicht erzwingen, es muss von den Musikern kommen. In Frankfurt kann ich den Musiker mitentscheiden lassen, in Houston gibt es noch keine Alternative.

Sie sagten einmal, Sie wären gerne auch Fußballer geworden, zweifelten aber, ob Sie auf diese Art den Sprung nach Europa schaffen würden. Ihr Landsmann James Rodríguez wechselte ja jetzt zu Real Madrid – wäre das noch traumhafter für Sie als das Spitzenamt in Frankfurt?
Ich glaube, ich habe es hier viel netter und leichter! Als Dirigent habe ich niemanden, der auf der Bank sitzt und mich auswechseln könnte. Da müsste man schon den Trainer von Real mit dem Chefdirigenten von Frankfurt vergleichen – und auch da würde ich mich für Frankfurt entscheiden. Real läuft ja nicht weg.

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