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hr-Sinfoniekonzert Kalkuliert außer Rand und Band

Die hr-Sinfoniker in der Alten Oper Frankfurt mit Mozart, einer Uraufführung von Michael Jarrell und einer sensationellen Strauss’schen Alpensinfonie.

20.10.2016 18:21
Bernhard Uske
Die Alte Oper Frankfurt. Foto: Alex Kraus

Richard steigt vom Berg herab – oder ist es doch „Zarathustra“, der zum zweiten Mal „also sprach“? Jetzt ganz konkret über die Alpen als dem touristischen Nietzsche-Erlebnis? So wäre die Alpensinfonie op. 64 jedenfalls denk- und deutbar als die im Konzertsaal verharmloste, im Sitzen absolvierbare Übermensch-Erfahrung für jedermann.

Tatsächlich ist die Konfrontation mit diesem instrumentalen Gebirge immer eine sehr spezielle Herausforderung für die Wahrnehmung, und spätestens beim gewitterumtosten Abstiegskampf ist der rezeptive Ausnahmezustand erreicht. Je kalkulierter die orchestralen Elementargewalten geführt werden, um so mehr schlagen sie ein. Und das hr-Sinfonieorchester, das das 1915 in Berlin uraufgeführte Werk im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt im Rahmen seiner Sinfoniekonzerte präsentierte, war solch ein kalter Akteur, der die große Hitze erzeugen konnte.

Chefdirigent Andrés Orozco-Estrada war von den ersten Takten des noch ganz im unartikulierten, brodelnden Naturlaut befangenen Klangbilds an der strategisch überlegen vorgehende Wegweiser durch das gigantische Form- und Figurendickicht. Wovon die dichten Passagen mit den eng verknüpften, aber ständig in ihrer Belichtung gewandelten Klangfiguren besonders profitierten. Dabei wurde die Balance zwischen einem blanken akustischen Eindruck der äußeren Natur und deren klanglicher Resonanz und Reflektion als Bewegung der inneren Natur, die Strauss in der Alpensinfonie ständig parallel führt, hervorragend ausgespielt.

Nicht nur technisch bot das hr-Sinfonieorchester eine Meisterleistung. Makellos die Ausführung der Risse und Überschichtungen in der Tektonik, umwerfend die Bläserwolken und -kaskaden sowie die in größte Helle sich steigernden Streicher. Farben ohne Zahl!

Mürbe Klangflächen

Dagegen verblassten dann die selber schon recht mürben und wenig Gestaltungsprofile sowie atmosphärische Reize bietenden Klangflächen, die Michael Jarrell für sein Oboenkonzert „Aquateinte“ geschaffen hat, das in Uraufführung erklang. Dazu eine höchst virtuose, wuselige, kleinteilige Dauerbewegung im Solo-Instrument, das der gegenwärtige „Artist in Residence“ des Orchesters, François Leleux, auf bestechende Weise beherrschte.

Zuvor hatte man in Wolfgang Amadeus Mozarts C-Dur-Oboenkonzert seine flinke und alerte Art, die manchmal etwas flapsig und huschend durch den Tonsatz stöberte, erleben können.

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