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Hessischer Rundfunk Zu viel Wucht für die Zarten und Verzagten

Das hr-Sinfonieorchester mit dem neuen Format Konzertante Oper und einer seltsamen „Freischütz“-Bearbeitung.

Auftakt / Konzertante Oper / Stimmen“ – das hr-Sinfonieorchester legte im Sendesaal die erste Ausgabe eines weiteren Formats seiner Präsenz im öffentlichen musikalischen Raum vor. Auftakt, das ist der größere oder kleinere Bruchteil eines ganzen Takts, der ein großes Ganzes nur verheißt. „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber, aufgeführt unter der Leitung Marek Janowskis, hatte etwas von dieser auftaktigen Grenze, was nicht an der Interpretation und erst recht nicht an dem grandiosen MDR Rundfunkchor, sondern an der Auswahl der Solisten und der dramaturgischen Bearbeitung der gesprochenen Dialoge der Oper lag, für die Katharina Wagner und Daniel Weber verantwortlich zeichneten.

Mit Andreas Schager (Max) war einer der gegenwärtig angesagten Tenöre, mit Lise Davidsen (Agathe) ein aufsteigender Stern bei den Sopranstimmen verpflichtet worden, und beide zeigten ihr markantes und schönes Material. Aber sie zeigten es in einer Voluminosität, einer affektiven Wucht, die Heldenrollen in einer Wagner-Oper vielleicht würdig gewesen wäre, den Zarten und Verzagten hier aber auf keinen Fall. Vor allem Schager hatte Interesse, Größe und schneidende Schärfe seines Tons als Gefühls-Marker zu gebrauchen. Verbunden mit Nachdruck bei durch Tonbewegung und Form sowieso schon gegebener Exponierung von Klangverläufen. Vokale Breitspurigkeit, die sich als Expression missverstand.

Ähnliches, wenn auch auf introvertiertere Weise, gab es bei Lise Davidsen. Für die Ännchen-Rolle – gegenüber der Agathestimme und -stimmung von Weber als helles, bewegliches und lebenszugewandtes Element gestaltet – hatte Sofia Fomina kein Profil. Dem Quirligen und Munteren gänzlich abhold, fast änstlicher wirkend als die besorgte Agathe, ergab sich hier die vokale Schmalspur, wo, ebenso wie bei den beiden Kollegen, nicht jede Höhe sicher saß. Dazu kam Bewegungsmangel in der Artikulation bei Alan Held als Kaspar.

Man muss kein Carlos Kleiber sein, dessen nervös-gleißende, jede artikulatorische Bewegung in Spannung umsetzende Diktion ebenso uneinholbar scheint wie die überwältigenden Agathen-Darstellungen, die einst Gundula Janowitz gelangen. Marek Janowski bescherte dagegen mit den folgsamen Musikern klangliche Hausmannskost, durchaus plausibel, mit gedeckten Farben und ohne das Romantische als diabolischer Atmosphäre. Man blieb auf dem Teppich und wirkte im letzten Drittel fast ein wenig müde.

Zwei Sprecher, sehr gut Corinna Kirchhoff und Peter Simonischek, spielten, als Idee des Dramaturgengespanns Wagner/Weber, Satan und Gott, was aus Samiel eine Art Samiela und aus dem Eremiten eine Art Deus eremitus machte, die miteinander wetteifern. Ein Humbug, ist das Exzeptionelle bei Weber doch nicht Sieg oder Niederlage von Gut oder Böse, sondern die Erfahrung der Menschen gegenüber einer Welt von Unsicherheit, Doppelbödigkeit, Verrat und schuldloser Schuldigkeit, wie sie sich in den Sprechdialogen der Oper ausgestalten, die man gestrichen hatte.

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