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Helene Fischer in Frankfurt Helene Fischer hat die Elemente im Griff

Nur sie selbst kann ihren Song „Niemand ist fehlerfrei“ widerlegen: Helene Fischer mit einem makellosen Auftritt beim Stadionkonzert in Frankfurt.

Helene Fischer
Helene Fischer auf ihrer Stadiontour 2018. Foto: dpa

Ich bin Helene Fischer. Widerstand ist zwecklos. Ihr werdet assimiliert werden.“ Nein, so begrüßt sie ihre Fans nicht. Aber wie die unbarmherzigen Borg aus „Star Trek“ verleibt sie die 45000 im Frankfurter Stadion einem Kollektivorganismus ein, bis kein Fitzelchen Individualität mehr bleibt im knallbonbonbunten Feierfieber.

Die Borg sind uns Menschen technisch überlegen. Konfettikanonen, Feuerstöße, Glitzerböller, Wasser: Helene Fischer hat die Elemente im Griff. Und die Truppe von Tänzerinnen und Tänzern plus Band vor dem Bühnenbild, um ein gigantisches „H“ gebaut, komplett als Bildschirm gestaltet. „Das volle Programm“, wie einer ihrer Songs heißt.

Man wäre gern bei der Planung Mäuschen gewesen. „Zu dem Medley aus ,Feuerwerk‘, ,Mitten im Paradies‘ und ,Hundert Prozent‘ packen wir alles auf die Leinwand, was kitschig und hässlich ist, Goldbrokat, Stuck, Leopardenfell... “ – „Au ja, und später schnallen wir den Tänzern Sprungfedern an!“ Muschel-Ozean-Optik, Neptun-Spieße: „Atemlos“ unter Wasser. Zu „Herzbeben“ liegt Fischer auf einem Riesenherz, das wie ein elektrischer Rodeobulle bockt. Mehrfach fährt sie um die Arena, von Fahnenschwenkern begleitet, zur Zweitbühne, versinkt hier im Boden, taucht da wieder auf.

Die Kostüme zeigen durchtrainierte Körper und viel Haut. Wenn Helene Fischer sich umzieht, lässt sie Videosequenzen laufen, die vom nächsten Lied raunen – das ist gut so, denn ihre live gesprochenen Ansagen sind wirr. Davon abgesehen, widerlegt Fischer ihren Song „Niemand ist fehlerfrei“. Sie singt, tanzt, turnt durch die Sommerhitze, ohne je ihr makelloses Lächeln zu verlieren. Die Stimme bleibt stets souverän. Nur ein leichter Schweißfilm will uns weismachen, sie sei ein Mensch, keine Borg.

Ihr begeistertes Publikum füttert Fischer mit Brocken der Zuneigung: „Ihr Lieben!“ vor allem und immer wieder „Frankfurt!“ So heißt das Kollektiv heute, die aus Alzey, Weilburg und Lohr sind mitgemeint. Individuen gibt es nicht, Sammelbegriffe gehen gerade noch: „Viele Paare sind hier, Mütter mit Töchtern, viele – äh – Freunde.“

Fischer verweigert jeden Bezugsrahmen: Es gibt für ein paar Stunden keine Welt da draußen. Einmal versucht sie zu hesseln, schließlich war sie in Frankfurt auf der Musical-Schule. Sie habe es wohl verlernt, räumt sie dann ein. Es gibt keine Biografien hier, es gibt nur die Show. Keine Jobs und Beziehungskrisen, keine Politik, keine Geldsorgen und keine anderen Menschen als die Feiernden. „Die Hölle morgen früh ist mir egal.“

Fischers Songs handeln von „Flieger“ bis „Achterbahn“ konsequent von nichts. „Spürst Du das?“, heißt die Tour: spüren, nicht fühlen; Oberfläche, nicht Innenleben. Titel wie „Wir brechen das Schweigen“ verheißen Bedeutung, aber es geht doch nur darum, zusammenzusteh’n und gemeinsam Wege zu geh’n.

Zwischen traditionelle Schlager und elektronische Arrangements („Schlance“ oder „Schlectro“) packt Fischer „Verdammt, ich lieb’ Dich“ von Matthias Reim und ein 90er-Jahre-Eurodance-Medley. Einmal holt sie aus dem Vorprogramm Ben Zucker dazu – Beck’s-Spot-Stimme, Jeanshemd. Mit ihm singt sie Westernhagens „Freiheit“. Auch diesem Lied, das 1990 skeptische Töne in die Wiedervereinigungs-Euphorie streute, nimmt Fischer jede Bedeutung. Freiheit wovon, Freiheit wozu? Ein Fan hat „Einen Scheiß muss ich“ auf dem T-Shirt stehen. Diese Freiheit? Oder doch nur „In zerrissnen Jeans um die Häuser ziehn“ (aus „Mit keinem andern“)?

Oder die Freiheit, Autobahnzufahrten zuzuparken? Den Besuchern, die das tun, hat die Polizei den Abschleppwagen versprochen. Wenn gegen 23 Uhr das Frankfurter Borg-Kollektiv auf Zeit zerfällt, kommt die Realität schnell zurück.

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