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Happy New Ears Die Axt auf dem Schleifstein

Ein Lob des Alltäglichen bei Happy New Ears mit der Komponistin Carola Bauckholt und dem Lyriker Jan Wagner.

Wort oder Ton – die alte Frage nach dem Vorrang der Künste untereinander stand ungewollt im Raum; genauer im tropisch warmen Holzfoyer der Frankfurter Oper bei Happy New Ears. Hier war Carola Bauckholt zu Gast. Befragt von und lebhaft diskutierend mit Jan Wagner, dem in Berlin lebenden Büchner-Preisträger des letzten Jahres, der vor allem als Lyriker hervorgetreten ist. Der Dichter also und die Komponistin. Die 59-Jährige aus Krefeld und der 47-jährige gebürtige Hamburger verstanden sich ausgezeichnet und stellten schnell Gemeinsamkeiten fest, wie etwa ihr Faible für Tiere, deren Artikulationen und Umgangsgeräusche. Überhaupt das Interesse an allem Beiläufigen: Wagner brachte als kleines Geschenk für seine Gesprächspartnerin das Geräusch einer quietschenden Berliner Haustür mit.

„Drei Plauderrunden“ hatte man sich vorgenommen, um die Stücke des Abends mit den plastischen Titeln „Treibstoff“ für Ensemble von 1995, „Schraubdichtung“ für Sprechstimme, Cello, Kontrafagott und Schlagzeug von 1989/90 und „Hirn und Ei“ von 2010 zu erläutern. Dirigent war Pablo Druker. Motorik aus verschiedenen Schritt-, Galopp- und Trab-Rhythmen einzelner Instrumente. Dann Lautsprachliches über die Benennung von Werkzeugen, die in ihrer Bezeichnung ihre Funktion im Wortklang schon enthalten, wie etwa Axt oder Schleifstein. Hier brillierte der Ensemble-Modern-Kontrabassist Paul Cannon als eine Art Werkzeug-Stimmenimitator. Derweil in „Hirn und Ei“ ein Schlag-Quartett mit dem klangintensiven Reiben der Oberflächen und dem Ziehen der Reißverschlüsse ihrer Outdoor-Jacken eine wischende, rhythmisch strukturierte Klangwolke schufen.

Das Lob des Alltäglichen, des Schraubenziehers oder eines beiläufigen Geräuschs wurde gesungen: auf diese akustischen Lebensbegleiter könne man sich eben verlassen. Aus ihnen oder deren Betrachtung entstünden dann hörbare Ordnungen, die in des Künstlers Hand lägen.

Wagner hate einige Male auf Bauckholts Forderung hin kurze Gedichte aus seiner Produktion vorgetragen. Artikulationen des kleinen, detailreichen Erlebnisses. Zuletzt wurden einige seiner Texte in das noch einmal gespielte Stück „Treibstoff“ eingefügt. Eingeschnitten in den Klangverlauf sprach der Dichter vor allem über Tiere und die Wahrnehmung ihrer Präsenz. Er stellte damit die Musik in einen Rahmen, in dem sie durch das Wort selber auf ganz andere Weise als zuvor ansprach. Schwer zu sagen, was letztlich dominierte, aber es war eindeutig das Wort, das der Musik zu größerer Leuchtkraft verhalf.

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