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Händel-Festspiele in Karlsruhe Die Affären des Präsidenten Jupiter

Eine Geschichte von heute und doch schon wieder nostalgisch: Die 40. Händel-Festspiele am Staatstheater Karlsruhe eröffnen mit ?Semele?, szenisch und musikalisch fulminant umgesetzt.

Händel-Festspiele in Karlsruhe
Fototermin: Das Präsidentenpaar, umrundet von Sicherheitspersonal und Presse. Das Staatstheater Karlsruhe zeigt Händels „Semele“. Foto: Falk von Traubenberg

Es waren süße Zeiten, als amerikanische Präsidenten noch fabelhaft aussahen und sich benahmen wie normale Politiker. Der niederländische Regisseur Floris Visser macht sich daraus einen nostalgischen Spaß und Jupiter zum Chef im Oval Office. Das ist eine naheliegende Idee, Leben gewinnt sie aber erst durch die perfekte Durchführung und die herausragende Besetzung, die die Eröffnung der 40. Internationalen Händel-Festspiele am Staatstheater Karlsruhe jetzt zu einem in diesem Ausmaß selten erlebten Triumph des unterhaltsamen Musiktheaters werden ließ.

Georg Friedrich Händels auf deutschen Bühnen nicht gerade überstrapaziertes, in London 1744 uraufgeführtes und auf Englisch zu singendes Drama „Semele“ – ursprünglich aus nicht zuletzt taktischen Gründen als Oratorium deklariert, was sich etwa noch im Orgeleinsatz niederschlägt – spielt zwischen den höchsten und soliden Upper-class-Kreisen: Semele, von Jupiter bereits verführt, soll einen irdisch-aristokratischen Gentleman heiraten. Das reicht ihr längst nicht mehr. Semele und Jupiter fliehen, also fliegen in ein Luxusresort, wo die Geschichte nach einigem Hin und Her ein böses Ende nimmt: Semele, nun als entfernte Verwandte vom Fischer syner fru, lässt sich von Juno (natürlich in Verkleidung) einreden, sie wolle ihren Liebhaber in seiner wahren, göttlichen Gestalt sehen. Das halten Sterbliche nicht aus.

Das Ganze ist umso ärgerlicher, als President Jove in Karlsruhe auch in menschlicher Gestalt ein Anblick für Götter ist. Dass Ed Lyon, den man bei seiner Vereidigung zur Ouvertüre womöglich noch für einen handverlesenen Statisten hält, dazu einen recht prächtigen und im Sprint sportiven Tenor zur Verfügung hat – man kann nur staunen.

Große Oper für Auge und Ohr: Ausstatter Gideon Davey hat einen Kuppelbau entworfen, der sich auf einer Drehbühne mal offen, mal geschlossen zeigt. Hier passt der Schreibtisch des US-Präsidenten ebenso gut hinein wie eine amerikanische Hochzeitsgesellschaft oder eine Liebeshöhle. Auf der anderen Seite steht man vor der Tür, auch fährt, dreht zuweilen das Präsidentenauto, streng bewacht, vorbei. Alles ist ungemein rund und ausgezeichnet bespielbar.

Schon im Vorspann, der die Ouvertüre nicht überdeckt, sondern anreichert, sieht man also Jupiter und seine schöne, energische Frau, eine First Lady aus dem moderneren Bilderbuch der US-Geschichte. Katharine Tier aus dem Ensemble des Hauses, die mit den zahlreichen Gästen tadellos mithält, wird mit der Untreue des Göttergatten konfrontiert, bevor der erste Ton gesungen ist. Dieser Präsident lässt nichts anbrennen.

Semele selbst kommt nun als unglückliche Braut zu Wort, Jennifer France als hinreißende Sängerdarstellerin. In Ton und Bild fällt es ihr leicht, das Tirilieren der Morgenluft witternden Lerche mit einer unaussprechbaren, aber auch unmissverständlichen Erregung in Verbindung zu bringen.

Das sinnliche Element bekommt in diesem oratorischen Werk wirklich unverschämt viel Raum, Regisseur Visser zeigt, was die Oper nur davon zeigen kann. Athamas, Terry Wey mit feinem Counter, kann als bleicher, höflicher Offizier, das Haar früh schon schütter, mit dem erschütternd virilen Präsidenten natürlich nicht mithalten.

Immer wieder bietet Visser einfallsreiche Details – und wenn nur ein Fotograf Juno indiskrete Bilder zuspielt oder Semeles Schwester Ino, Dilara Bastar mit geradezu abgründigem Alt, testweise den Ehering probiert und nicht mehr abbekommt. Die Presse ist immer dabei – alle lesen Zeitung, aber man sieht auch schon eine Fernsehkamera –, die Präsidentenfamilie aber auch gerne bereit, sich fotografieren zu lassen (beim Keep smiling, beim Sport). Ja, das ist auch albern und oberflächlich, aber gescheit und dicht an der quicklebendigen Musik, mit der die eigentlich nicht gerade vor Fülle überbordende „Semele“-Handlung auf diese Weise grandios mitkommt. Sie wird vorangetrieben, aufgemuntert. Weniger Geh- und Steh-Theater ist selten, obwohl gegangen und gestanden wird. Aber alles flirrt von Leben und jener Lust, die Visser zugleich auf den Arm nimmt. Cupido (Ilkin Alpay) ist ein sanfter, androgyner Jesuslatschenjünger.

Als vollwertiger Akteur ist der Händel-Festspielchor dabei, kompakt stehend, stürmend, drängelnd und singend. Glanzvoll zeigt sich insgesamt die Musik, die in den Arien oft auf bloß zwei Textzeilen aufbauen muss. Die ebenfalls für die Festspiele zusammengestellten Deutschen Händel-Solisten, geleitet von Christopher Moulds, spielen biegsam, farbenreich, frappierend empfindsam gegenüber den geforderten Solisten. Das Publikum wird über dreieinhalb Stunden hinweg in bester Stimmung gehalten und ist nachher zum Jubeln aufgelegt.

Staatstheater Karlsruhe: 23., 25., 28. Februar. Händel-Festspiele bis 5. März.   www.staatstheater.karlsruhe.de

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