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Guttenberg Verdi-Requiem Tröstung und Entrückung

Enoch zu Guttenberg mit Verdis Requiem in der Alten Oper, einem manchmal den Faltenwurf der Oper nicht verhehlendes theatrum sacrum.

17.03.2016 16:32
Bernhard Uske
Enoch zu Guttenberg dirigiert das Verdi-Requiem in Frankfurts Alter Oper. Foto: PRO ARTE Frankfurt

Im kommenden Jahr wird es 50 Jahre her sein, dass Enoch zu Guttenberg die Leitung der Chorgemeinschaft Neubeuern übernahm. 21 war damals der 1946 geborene Freiherr, neben Nikolaus Harnoncourt der andere überragende aristokratische Dirigent deutscher Herkunft.

Beide sind eigene Wege, lange fernab des Musikbetriebs gegangen – der eine mit seiner Chorgemeinschaft, der andere mit seinem Concentus Musicus. Beides keine beliebig Orchestern vorschaltbaren Interpretations-Module, sondern selbstbestimmte Akteure im Eigenanbau. Beide autark, was sich erst spät dann öfters auch ganz ähnlich im Ergebnis ausnahm. Zu Guttenberg hat 1997 noch die Leitung der „KlangVerwaltung“ übernommen. Jenes projekt-bezogen sich findende Orchester mit Mitgliedern aus führenden europäischen Orchestern. Man spielt historisch bewusst, also in quellenbezogener Größen- und Artikulationsdifferenz.

Jetzt trat zu Guttenberg mit den Ressourcen seiner interpretatorischen Eigenart bei Pro Arte auf. Mit Giuseppe Verdis Requiem – jenem als Memento für den Dichter Alessandro Manzoni komponierten Werk entlang den Texten der lateinischen Totenmesse. Ein manchmal den Faltenwurf der Oper nicht verhehlendes theatrum sacrum, wie es das schau- und hörlustige Barock in Sachen Religion schon einmal entwickelt hatte. Jetzt nur noch veristischer. Besonders die Sequenz des „Dies irae“ mit den Schilderungen des Jüngsten Gerichts ist wie affektives Wechselduschen, dem der mit mächtiger Geste dreinfahrende Dirigent im Großen Saal der Frankfurter Alten Oper nichts schuldig blieb. Genauso intensiv aber wurden auch die wie aus dem Nichts kommenden fahlen, geflüstert vorgetragenen Takte geboten, war nach dem Vollblut der Gerichts-Exzesse die Hohlwangigkeit der Vernichtungsgewissheit herrlich ausartikuliert. Dazwischen die Hoffnungs- und Erlösungspartien in zartesten Streicher- und Holzbläsergespinsten. Gegenüber der knappen Düsternis der originalen, schonungslosen Totenliturgie eine mit Klang-Tröstung und Vokal-Entrückung handelnde agnostische Gefühls-Ökonomie.

Der Mezzosopran Anke Vondungs war das stimmliche Zentrum, seraphisch die Stimme Susanne Bernhards, schwebend der Tenor Sung Min Song, in feiner Plastizität der Bass Christof Fischessers. Die Chorgemeinschaft an Differenz, Wucht und Intonation alles bietend; die KlangVerwaltung ebenso. Die Stoppuhr sagte: Zu Guttenberg braucht beim Verdi-Requiem eine Minute weniger als Harnoncourt in seiner Aufnahme.

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