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Goldberg-Variationen Heiliges und Unheiliges

Alexandre Tharaud, Lars Vogt, Igor Levit, Tzimon Barto: Vier namhafte Pianisten haben sich auf einmal auf dem Weg durch Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen gemacht. Was ist davon zu halten? Was gehört ins eigene Regal?

20.11.2015 16:32
Stefan Schickhaus
Johann Sebastian Bach in einem Stich nach einem Gemälde Emanuel Traugott Göbels. Foto: © epd-bild / akg-images

Zum Glück kann man CDs gut mischen, fast wie Spielkarten. Es sieht vielleicht merkwürdig aus, zumal wenn man dann die CDs unter Kissen versteckt, sie einzeln blind zum CD-Player trägt, den CD-Schlitten ertastet, startet. Aber was tut man nicht alles, um wirklich unvoreingenommen an den Hörvergleich der vier neuen Aufnahmen von Bachs Goldberg-Variationen heranzugehen.

Denn ohne den Blindtest hätte man ja gleich vorgefertigte Meinungen im Kopf, man kennt sie schließlich, die vier Pianisten: Alexandre Tharaud ist der elegante Franzose, der 2007 mit luftigen Couperin-Stücken so angenehm auffiel. Lars Vogt ist der fein-nüchterne Deutsche, Igor Levitder junge Shooting-Star aus Nischni Nowgorod, dem die Klavierwelt derzeit kollektiv zu Füßen liegt.

Und da ist noch der Amerikaner Tzimon Barto, wegen dem man die CDs wirklich nicht hätte mischen müssen, denn einen Barto kennt man ohnehin vom ersten Ton an heraus. Er läuft quasi außer Konkurrenz, aber dazu später.

Es ist alles gesagt, könnte man meinen

Die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach: Im Grunde hat man von diesem Klassiker, bestehend aus einer Aria und den 30 Variationen über den markanten Bassgang, die relevanten und unbedingt notwendigen Einspielungen ohnehin schon im Schrank, denkt man. Die da wären: Von Glenn Gould entweder die flotte analoge 1955er-Aufnahme oder die digitale von 1981 oder beide. Und dann jene so unglaublich sangliche Interpretation von Murray Perahia aus dem Jahr 2000. Damit könnte doch alles gesagt sein.

Und jetzt machten sich gleich vier namhafte Pianisten fast zeitgleich daran, sich zu diesem opus summum zu positionieren. Auf die leichte Schulter hat das Projekt Goldberg keiner genommen: Tharaud hat eigens ein Sabbatical-Jahr dafür freigehalten, um das Werk zu durchleuchten, das er als Kind heimlich mit Walkman unter der Bettdecke gehört hat.

Igor Levit war extra bei Lajos Rovatkay in den Cembalo-Unterricht gegangen, denn Levits Lieblingsaufnahmen des Goldberg-Variationen stammen allesamt von Cembalisten, weshalb er Skrupel hatte, sich damit an den modernen Flügel zu setzen.

Und auch Lars Vogt beruft sich auf seine Beschäftigung mit der historisch informierten Aufführungspraxis und seine Verbindung zu Roger Norrington, von dem er im CD-Booklet die Aussage zitiert: „Es gibt keine langsamen Sätze“. Entsprechend spielt Lars Vogt die Aria mit allen Wiederholung (Wiederholungen auszulassen ist heute nicht mehr opportun, Ausnahme Barto wiederum, dazu später) in unter vier Minuten, er ist damit der geschwindeste.

Anders als gedacht

Doch nun zum Ergebnis, das keineswegs so ausfiel, wie die musikkritische Glaskugel es zuvor imaginiert hatte. Die kantabelste, schlichteste, klarste Interpretation stammt von Igor Levit – da ist alles im Fluss, alles atmet ruhig. Seine Aria dauert eine halbe Minute länger als die von Vogt, aber sie schleppt nicht. An dieser Aufnahme überrascht nichts, außer die Tatsache, dass da ein 28-Jähriger eine unglaubliche Reife unter Beweis stellt. Mit in der 3-CD-Box sind übrigens noch Beethovens Diabelli-Variationen sowie die 36 horrend schwierigen Variationen über ein chilenisches Revolutionslied von Frederic Rzewski.

Der überraschendste Beitrag stammt von Lars Vogt. Denn der ist angetreten, die Goldberg-Variationen ein Stück weit zu entheiligen. Er begreift sie als eine weitestgehend gut gelaunt Spielmusik, er kehrt damit in eine Zeit zurück, in der dieses Bachwerk noch nicht von einer Aura, einem Mythos umwoben wurde.

Vogt geht entsprechend spielerisch-lässig damit um, er agiert metrisch frei, traut sich an Rubati, Verzierungen, einen inegalen Vortrag. Und er ist flott unterwegs: Selbst die 15. Variation, allgemein eine ernste Angelegenheit, klingt bei ihm entspannt flüssig. Bei einer Spielzeit von dreieinhalb Minuten ist er hier um eine geschlagene Minute schneller als Tharaud.

Und dieser Alexandre Tharaud bietet den Gegenentwurf zu Vogt. Auch er zeigt schöne Verzierungsalternativen in den Wiederholungen, zum Beispiel in Variatio X, doch wirken seine Goldberg-Variationen wie mit angezogener Handbremse gesteuert. Manches stockt, kommt nicht in Fluss, wirkt zäh.

Der Tharaud-Aufnahme beigefügt ist eine Film-DVD, Stéphan Aubé hat ungezählte Kameras auf den Goldberg-spielenden Pianisten gerichtet, es fehlt nur noch die Magenspiegelungs-Kamerafahrt für die Innensicht. Tharaud spricht im Film auch über seine persönliche Goldberg-Empfindung, er spricht mit stillem Pathos, und er spielt auch so. Dass seine Interpretation im Vergleich aufnahmetechnisch leicht topfig klingt, unterstützt den Eindruck des Ungelösten.

Sehr viel jedenfalls zwischen ppp und fff

Wer fehlt? Tzimon Barto, dessen Rameau-Album „A basket of wild strawberris“, 2005 erschienen, ja Kultstatus bei Freunden des delikatesten Klaviertons genießt. Damals behauptete der amerikanische Pianist stolz, er verfüge an den Tasten „über eine Palette von 36 dynamischen Farben zwischen ppp und fff “.

Diese Palette hatte er jetzt auch für Bach im intensiven Einsatz, was dazu führt, dass nie zwei aufeinanderfolgende Töne die gleiche Anschlagsintensität haben. Man kann über diese Extremposition nur staunen, man kann sie unendlich manieriert finden oder aber sich halb gruselnd freuen über einen so eigenwillig-spleenigen Zugriff.

Übrigens: Um die Aria richtig, also im Barto-Sinne zu hören, sollte man nicht mit dem Lautstärkeregler nivellieren. Am besten erst die Stereoanlage mit der zünftigen 30., der „Quodlibet“-Variation erden und auf ein vernünftiges Phonmaß einstellen. Dann erkennt man bei der nachfolgenden Aria-Wiederholung erst, wie unendlich leise Barto das meint. Eine Ahnung von Ton nur.

Dass Tzimon Barto diese Goldberg-Variationen „nach der Bearbeitung von Ferruccio Busoni“ spielt, wird im Booklet nur halbherzig thematisiert und nicht inhaltlich aufgelöst. Busoni ließ in seiner Fassung ein paar Wiederholungen weg, groß sind die Eingriffe nicht. Der ultimativ Irritierende ist klar Barto, nicht Busoni.

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