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Gießen Barbarische Zivilisation

Das Stadttheater Gießen hat Reinhard Keisers „Die großmütige Tomyris“ für eine ansprechende Inszenierung ausgegraben.

Kyrus’ Tochter Meroe (Carla Maffioletti) ist ein wildes Wesen und will Rache. Foto: Rolf K. Wegst

Barbaren überall. Sie heißen Messageten, tragen Zottelhaare und martialisches Heavy-Metal-Habit, zücken ständig die Messer und haben den Perserkönig Kyrus besiegt. Dass Herrscherin Tomyris ihren Feldherrn Tigranes liebt, während sie von zwei auswärtigen Königen umworben wird; dass Kyrus tot ist und seine Tochter Meroe, die ihn rächen will, ihrerseits mit Tigranes verbandelt ist, all das wusste vielleicht Reinhard Keisers Publikum der Hamburger Oper im frühen 18. Jahrhundert, aber im frühen 21. sind die antiken Geschichten doch aus dem Allgemeinbildungsschatz weitgehend verschwunden. So dass das Publikum der Oper Gießen bei der Erschließung des Plots auf sich gestellt ist – bei einer durchschnittlichen Textverständlichkeitsquote eine anspruchsvolle Aufgabe. An der nötigen Übertitelungs-Technik fehlte es nicht. Aber das ist der einzige Einwand gegen diese Produktion.

Keisers Oper „Die großmütige Tomyris“ ist eine originelle Ausgrabung. Roman Hovenbitzers intensive Inszenierung betont die Zwischenstellung der Messageten zwischen Zivilisation und Barbarei in Choreografien (Tarek Assam) und Verhaltensmustern. Das lieto fine ist ein ironischer Deus-ex-machina-Tagtraum, während die blutige Realität abgeschlagener Köpfe diskret bleibt. Das Bühnenbild (Lukas Noll) baut ein Nachkriegs- und Verwüstungs-Szenario vor dem Hintergrund verfallender Kunst, aber im Orchestergraben herrscht pure Hochkultur. Michael Schneider hat mit dem Philharmonischen Orchester Gießen ausgezeichnete Arbeit geleistet, alles klingt frisch und präzise, und eine bessere Contiunuo-Gruppe als das Ensemble Animus kann man sich kaum wünschen.

Odilia Vadercruysse markiert Tomyris’ Ambivalenz zwischen Liebe und Macht und lässt beides eindrucksvoll, stimmig und virtuos klingen; Tigranes (Christian Zenker) changiert immerhin zwischen Pflicht (Tomyris) und Liebe (Meroe) und versieht seine Aufgabe, unter Widersprüchen tapfer zu leiden, in bester tenoraler Verfassung. Dass man manchmal die Gnadenlosigkeit hört, mit der Sängerinnen und Sänger durch die Koloraturen gejagt werden, gehört zu den lässlichen Kleinigkeiten einer Produktion, mit der das Stadttheater Gießen den Rahmen seiner Möglichkeiten optimal nutzt.

Stadttheater Gießen: 26. September, 1., 10., 31. Oktober. www.stadttheater-giessen.de

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