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Frankfurt Spacig, brodelnd, surreal

Vladyslav Sendecki und Izabella Effenberg beim Jazz im Palmengarten.

Ob seine Musik chinesisch oder polnisch klinge, hat Vladyslav Sendecki einmal gesagt, sei ihm gleich. Zunächst schien für den 1953 im polnischen Gorlice geborenen Musiker eine Laufbahn als Konzertpianist vorgezeichnet. Als Erweckungserlebnis für seine Hinwendung zum Jazz nennt er die Begegnung mit John McLaughlins Mahavishnu Orchestra, einer der prägenden Bands der Jazzfusion in den frühen siebziger Jahren. Zur umfänglichen Diskografie dieses großen Jazzpianisten, der wegen seines Engagements für die Gewerkschaft Solidarnosc 1981 zunächst in die Schweiz flüchtete und seit über zwanzig Jahren festes Mitglied der NDR-Bigband ist, zählen unter anderem ein Rock-Konzeptalbum und Heavy-Metal-Platten. Als Studiomusiker hat er für Popmusiker wie Phil Carmen, Hubert Kah und Stephan Sulke gearbeitet. Ein Allrounder also – auch im Jazz, ob im Umfeld des Bebop oder im Free Jazz.

Mahavishnu Orchestra, Fusion – das sind die treffenden Stichworte für diesen Abend mit Sendecki und dem European Blue Note Quartet sowie der polnischen Vibraphonistin Izabella Effenberg als Gast in der von der Frankfurter Jazzinitiative beschickten Traditionsreihe Jazz im Palmengarten. In dem grandiosen kammermusikalisch agierenden Ensemble um Andrzej Olejniczak (Tenor- und Sopransaxophon), Robert Landfermann (Bass) und Mark Mondesir (Schlagzeug) bewegt sich alles in einem aufgeräumt konventionellen Rahmen. Elegische Melodien in weiten Bögen vom Saxophon und spacig flirrende oder brodelnde Sounds vom Fender Rhodes Piano. Auf dem Klavier mitunter Bezüge zur Spätromantik. Dann wieder eine groovende Funkyness des Gruppensounds. Das wirkt, sagen wir: gut abgesichert. Und doch in der Summe, ungeachtet einer arg blutleeren Nummer unmittelbar nach der Pause, einnehmend frisch.

Die in Nürnberg lebende Izabella Effenberg ist eine unprätentiöse Meisterin der prismatisch schillernden Klangfarbenspiele auf dem Vibraphon. Bezüge zum musikalischen Minimalismus wie auch seiner ethnomusikalischen Quelle, der Gamelanmusik, klingen besonders in einem unbegleiteten Solostück auf der Array Mbira an, einer im Tonhöhenspektrum erweiterten modernen amerikanischen Variante des afrikanischen Lamellophons.

Erik Satie versiert gekreuzt mit John Coltrane: Tiefen Eindruck machte eine Verbeugung Sendeckis vor dem vor fünf Jahren verstorbenen Heinz Werner Wunderlich, dem als Begründer von Jazz im Palmengarten verdienstvollen Radiojournalisten und Mitstifter der Jazzachse Frankfurt-Polen. Zu den Glanzstücken dieses Konzerts gehörte eine einlässliche Anverwandlung der Etiuda Baletowa Nr. 3 des polnischen Jazzvisionärs Krzysztof Komeda, einem Stück von surreal-düsterer Schönheit. Visionen? In diesem Konzert – weniger. Ansprechend und rundum gut gemacht, ganz ohne Frage.

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