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Frankfurt Ein großer Zauber wohnt dem inne

Julia Holter, hinreißend und musikalisch originell in der Brotfabrik.

Sie kommt auf die Bühne, allein und ohne Aufhebens, setzt sich an den Flügel, mit dem Rücken zum Publikum, und spielt ein Lied, mit einer zwischen heller Klarheit und dunkler Timbrierung changierenden Stimme, die Harmonik erinnert an das Klavierlied der Romantik in Deutschland.

Nächste Nummer. Volle Besetzung, sechs Musiker, an Klavier, Violine, Trompete, Kontrabass, Synthesizer und Schlagzeug. Ein – ohne Wucht – mächtiges Klangbild von einem kollektiven Charakter, der einen an den Freien Jazz erinnert. Die Musik ist dissonanzenreich und schrammelig, das Tempo hypnotisch schleppend, eine weitere Assoziation gilt dem von dem amerikanischen Minimalisten La Monte Young beeinflussten Beitrag von John Cale zur Musik von The Velvet Underground.

Die aus Los Angeles stammende Julia Holter, die in der bis auf den letzten Stuhl besetzten Frankfurter Brotfabrik gastierte, hat ein klassisches Musikstudium abgeschlossen; diesen Pfad hat sie nicht weiterverfolgt, doch bei ihren Konzerten stehen Notenständer auf der Bühne, ihre außerordentliche Arrangeurskunst trägt fundamental zu ihrer musikalischen Originalität bei. Vor allem aber lässt sie sich nicht festlegen. Nach einigen Homemadeproduktionen mit der entsprechenden Do-It-Yourself-Verbreitung hat sie 2011 gleich mit ihrem ersten offiziell veröffentlichten Album aufhorchen lassen, einem Konzeptalbum um Euripides’ Tragödie „Hippolytos“, eine elektronisch geprägte Produktion mit ambienthaften Texturen.

Das Frankfurter Konzert ist, ungeachtet der Präsenz von Laptop und Keyboards und einer gelegentlichen Verfremdung von Instrumentalstimmen, dem Grunde nach ein akustisches. Ein Gutteil der Songs geht auf das grandiose neue Album „Aviary“ (neunzig Minuten! – von der ersten bis zur letzten hörenswert!) zurück, ihr fünftes. Wie schon zuvor, unter anderem auf dem vorhergehenden, lichteren „Have You In My Wilderness“ von 2015, hat sie sich wiederum auf die Songform eingelassen. Der Ansatz ist diesmal freilich wieder experimenteller.

Eine auratische Atmosphäre ist an dem Abend in der Brotfabrik durchweg kennzeichnend, so vielgestaltig sich die Musik auch darstellt, mitsamt zuweilen einem atypisch dezent unquäkigen und ostinaten Einsatz des Dudelsacks und mal auch eines Cembaloklangs vom Keyboard.

Charakteristisch ist einesteils ein gewisser Sprechgesang, immer wieder aber auch fährt die von Dingen wie Sorgsamkeit und Mitgefühl handelnde Stimme der 33-Jährigen tollkühn auf in malcantistische Höhenlagen oder sie keckert nach der Art von Vogellauten. Dabei sind die Lieder in ihrem Kern folkhaft melodiös. Dem Ganzen wohnt ein großer Zauber inne, beinahe sakral ist die Stille im Publikum. Und doch verliert sich Julia Holter nicht in Mystizismus oder Schönklang. Hinreißend.

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