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Frankfurt Die Freigeister

Alles ist möglich: Aki Takase und Louis Sclavis beim Multiphonics Festival in der Brotfabrik.

Freiheit kann ein sehr strenger Begriff sein, gerade in der Musik. Wenn man die Anstrengung hört, die es kostet, sich gegen etwas zu wenden, den Kampf um Selbstbehauptung und Selbstermächtigung. Wenn man immerfort das Gegenüber spürt, das man nicht mehr sein will und darf, das man um jeden Preis vermeiden, dekonstruieren oder zerstören muss. Wie jede Musik kennt auch der Jazz diese Form der Freiheit, faszinierende, vor Energie berstende Musik ist so entstanden – Musik, die heute auch schon längst historisch ist.

Der Jazz kennt aber auch eine ganz andere Freiheit. Eine des Irrsinns und der Spiellust, eine, die nichts ausschließt, sondern für die im Gegenteil alles möglich erscheint, machbar, denkbar, kombinierbar. Das Harte, Querständige, Sperrige, Laute, Widersprüchliche genauso wie das ganz Einfache, Schlichte, Schöne.

Wer wissen will, was damit gemeint sein könnte, der muss einmal ein Konzert von Aki Takase und Louis Sclavis besuchen. Beide gehören seit Jahrzehnten zu den herausragenden Protagonisten der improvisierten Musik, Freigeister im besten Sinn. Die eine, die in Japan geborene, in Berlin lebende Pianistin Aki Takase, hat sich schon immer auf ihre völlig eigensinnige Art mit der Jazzgeschichte auseinandergesetzt und Ikonen wie Eric Dolphy, aber auch Fats Waller ganze Projekte gewidmet. Der andere, der französische Klarinettist Louis Sclavis, findet in den Trümmern des Post-Free-Jazz seit je die schönsten Überbleibsel.

Für beide, das wird in der voll besetzten Frankfurter Brotfabrik im Rahmen des diesjährigen Multiphonics Festival sofort klar, ist Geschichte vollkommen selbstverständlich gegenwärtig. Wie ein Steinbruch liegt sie da, blitzt auf, als Fragment, als Floskel, manchmal als vollständige Melodie oder gar als längeres Zitat. Nur verlässt sich hier niemand auf diese Geschichte, sie ist das Material, aus der Musik entsteht. Sie wird umgebogen, umspielt, manchmal sogar förmlich umgarnt, dann aber auch wieder jäh zerschnitten und in Einzelteile zerlegt.

Es ist ein blitzschnelles Jonglieren. In Sekunden kann sich alles ändern. Was gerade noch, vom perkussiven (und oft präparierten) Klavier Takases angetrieben, hart und mechanisch war, ist im nächsten Augenblick von einer schlichten, inwändigen Zärtlichkeit, die so glaubhaft, so entstaubt und fern von jedem Klischee nur einem Ausnahmemusiker wie Louis Sclavis gelingen kann. Es ist kurze, konzise, keine ausladende Musik – und doch gerät man über ihren Überfluss ins Staunen: so viel ist möglich, so viel kann Musik sein. Wenn sie frei gedacht wird.

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