Lade Inhalte...

Frankfurt Der Jazz wird leben

Bei der Bundesbegegnung Jugend jazzt präsentieren sich die Musiker von morgen.

Sich gegenseitig den Rücken stärken: Die United Big Band aus Berlin. Foto: Dirk Ostermeier / DMR Foto: DIRK OSTERMEIER

Wer heute ein Jazzkonzert besucht, wird sich oftmals in einem Meer aus weißen Köpfen wiederfinden - so könnte man jedenfalls meinen. Tatsächlich aber seien das Jazz-Publikum wie auch die Musiker selbst altersmäßig extrem gemischt, wie Saxophonist Oliver Leicht sogleich widerspricht. Leicht, seines Zeichens langjähriges Mitglied der hr-Bigband, ist am Freitag einer von fünf Juroren der Bundesbegegnung Jugend jazzt in Frankfurt. Ein Blick in die Runde der Teilnehmer dieses Musikfestivals zeigt, dass man Leicht wohl Recht geben muss. Hunderte Musikerinnen und Musiker im Alter von 11 bis 24 Jahren kommen an diesem Wochenende zusammen, um Jazz zu spielen. Doch keine weißen Köpfe auf und vor der Bühne.

Anfangs treffen sich die Nachwuchs-Jazzer zum Wertungsspielen der Big Bands. 14 Bands aus 14 Bundesländern spielen jeweils vier Stücke, in denen die ganze Bandbreite von Bebop und Swing zu Latin Jazz, von Dizzy Gillespie über Pat Metheney und Charles Mingus bis Chick Corea hervortritt. Schnell wird klar, auch um Qualität wird man sich in der offensichtlich nicht nachwuchsarmen deutschen Jazz-Szene kaum Gedanken machen müssen. Die Jury achtet bei den Auftritten der Big Bands vor allem auf Intonation, Zusammenspiel, Soli sowie das Dirigat, so Juror Ralph Abelein. Dass sich die Dirigenten beim Spiel ihrer Solisten auch mal ganz entspannt an den Bühnenrand begeben und ihren Musikern einfach nur zuhören: ebenfalls ein Zeichen hochwertiger Qualität, meint Oliver Leicht. „Die Bands spielen in einer Klasse, in der man sie in den Soloparts auch mal laufen lassen kann.“

Um die Zukunft des Jazz macht sich an diesem Tag niemand Sorgen. Fast niemand. Denn besser könnte die Musikförderung in Deutschland schon laufen, meint Ulrich Adomeit aus dem Jazzbeirat des Deutschen Musikrats. Vor allem in den Ganztagsschulen sieht er ein Hindernis für die Musikförderung: „Wann soll man denn noch spielen, wenn die Kinder bis um 16 oder 17 Uhr Schule haben und dann, vor allem in den ländlicheren Gegenden, noch ewig mit dem Bus zur Probe fahren müssten?“ Dass die Schulen dem mit der Einführung von Bläserklassen und anderweitigen Musikangeboten Abhilfe zu schaffen versuchen, sei erst dann eine gute Lösung, wenn diese auch professionell umgesetzt würden. „Es kann nicht sein, dass ein einziger Lehrer seinen Schülern alle Instrumente beibringen muss. Das hört man dann auch“, so Adomeit.

Die Big Bands, die sich zur Bundesbegegnung in Frankfurt treffen, sind vor allem Schul-Big-Bands. Beispiele dafür, wie musikalische Förderung aussehen kann und sollte. Auf der Bühne zeigen die Bands, dass ihre musikalische Ausbildung von Grund auf eine wichtige Rolle spielt. Alter und Geschlecht spielen dabei keine Rolle. Oft spielt der elfjährige neben dem 18-jährigen Trompeter, immer mehr Bassistinnen tauchen auf und in der einen oder anderen Band ist die erste Reihe gänzlich von Saxophonistinnen besetzt. Eine Entwicklung, die schon seit einigen Jahren im Gange ist und der Jazzszene auch in Zukunft gut tun wird.

Obwohl am Wettbewerbstag die Aufregung groß ist - da kann ein Solist schon mal einen anderen beinahe über den Haufen rennen -, fällt auf, wie viel Souveränität und Leichtigkeit einige der jungen Musikerinnen und Musiker schon auf die Bühne bringen. Ob mittanzend beim Saxophon-Solo oder mitsingend bei der Klavierbegleitung. Dirigenten und Bands animineren ihre Solisten und verfolgen begeistert, was vorn am Bühnenrand gerade zum Besten gegeben wird. Musikalität ist selbstverständlich und der Groove scheint bei vielen tief verwurzelt. Das Publikum aus mitgereisten Freunden und Familien ist allemal hingerissen. Es zeigt sich aber auch hier, wer als Solist oder Band in der Lage ist, mitzureißen und wer nicht. Die Jury muss ihr Pokerface wochenlang geschult haben.

Der Jazz scheint in der Jugend angekommen zu sein. Anzunehmen, dass viele der Musikerinnen und Musiker, die an diesem Tag in Frankfurt spielen, nur deshalb zum Jazz gekommen sind, weil die Schul-Big-Band die logische Konsequenz aus Musikunterricht, Bläserklasse oder Musik-AG war. Big-Band-Music ist eben Jazz, das war sie schon immer. Er hat etwas an sich, das die jungen Musiker auch heute noch zu überzeugen und mitzureißen scheint. Nicht nur in der ihnen vertrauten Big Band, sondern ebenso in den Sessions am Abend, in denen der Jazz sich in einem anderen Gewand zeigt, die Band-Grenzen gesprengt und aus dem Gegeneinander des Tages ein Miteinander wird.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum