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„Festspiele im Walde“ Unter Aussteigern

Drei Personen, ein Autor: Henry David Thoreau.

Sprache als Musik, als Partitur: formal gesehen ein altbewährter Ansatz. Aber das schadet nichts, zumal die aphoristischen Sentenzen von Henry David Thoreau eine astreine Flanke dafür darstellen – und das Ergebnis durch seine Originalität besticht. „Festspiele im Walde“ nennt das deutsch-schweizerische Trio um den Sprecher Reto Friedmann, die Komponistin Annette Schmucki und den Sänger Oliver Augst sein Programm mit Texten aus den Tagebüchern Thoreaus, die neben seinem Roman „Walden“ als das Hauptwerk des zu Lebzeiten erfolglosen US-amerikanischen Schriftstellers und Philosophen gelten, dessen Geburtstag sich 2017 zum zweihundertsten mal gejährt hat. An die Deutsche Erstaufführung im Frankfurter Gallus-Theater schließen sich weitere Termine an handverlesenen Orten wie einer Schutzhütte am Jacobiweiher im Stadtwald an.

Thoreau ist ein prototypischer „Aussteiger“ gewesen, ein Pionier der Zivilisationskritik und der Rückbesinnung auf die Natur. Unter seinen zahlreichen Schriften findet sich eine „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“; sein Hauptwerk, der Roman „Walden“, baut auf den Erfahrungen eines zweijährigen Aufenthalts in einer selbstgezimmerten Holzhütte am gleichnamigen See in sicherer Nähe seiner Heimatstadt Concord (Massachusetts) auf.

Es geht viel um eine Dynamik von laut und leise an diesem Abend. Mitunter überdecken Annette Schmuckis geräuschhafte Klänge aus dem Sampler das Sprechen von Reto Friedmann, befördert von einer zuweilen ruckhaften Lautstärkedynamik des Vortrags. Analog dazu singt Oliver Augst mal mit in einem manieriert dünnen Singsang, dann wieder mit einem voll tönenden Bariton; die Melodieverläufe gründen im Volkslied. Zu Beginn der einzelnen Abschnitte dekliniert Schmucki jeweils eine Reihe von Tierarten durch, die wirbellosen Tiere zum Beispiel. Im Gestus des Improvisatorischen ruft sie aus dem Sampler stilisierte Formen eines Insektensurrens, Vogelgezwitschers, das Zirpen von Grillen und das Quaken der Frösche ab.

Es tun sich metaphysische Fragen auf wie jene, wonach der Fischer beim Fischen sucht. Irgendwann wird der Hörer über die Methode ins Bild gesetzt: Schmucki folgt strukturell einer Linie quer über die Landkarte um Concord und den Waldensee und nimmt Gegebenheiten auf, das Geräusch einer Straße etwa. Eine Bisamratte bahnt sich ihren Weg durch den Text. Ein Fiepen markiert ihre Bewegungen, das Ergebnis ist ein Lautgedicht.

Immer wieder gibt es schnitthafte Wechsel von der Mitte des 19. Jahrhunderts in Amerika zur hiesigen Gegenwart. „Ein Mensch“, heißt es bei Thoreau, ist so reich wie die Anzahl der Dinge, auf die er verzichten kann.“ Darauf setzt Friedmann: „Sollte ich auf meinem Parkplatz nicht besser Kohlköpfe anbauen?“

Drei Personen an ihren aufgereihten Pulten – das Resultat aus dieser fundamentalen Frontal-Anordnung könnte man auch ein Live-Hörspiel nennen. In jedem Fall ist das vergnüglich, nicht zuletzt auch ob des mitschwingenden Humors.

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