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Festival "Elbjazz" Konzertreigen an Hafenrundfahrt

In Hamburg feiert das Festival "Elbjazz" Premiere: Konzerte von klassischem Bigband-Jazz über orchestralen Fado, Gypsy-Swing, bis hin zu zeitgenössischer Kammermusik. Von Stefan Hentz

04.06.2010 00:06
Stefan Hentz
Das erste "Elbjazzfestival" in Hamburg präsentierte sich auf 15 bisher fast unentdeckten Bühnen. Foto: Elbjazzfestival

Alles perfekt hier. Sanft und kraftvoll schaukelt die Barkasse auf der Elbe, besetzt bis zum letzten Platz, und während die Sonne das Skelett des Elbphilharmonie-Rohbaus mit einem Lichtkranz verklärt, dreht sich weit oben ein Richtbaum im Wind. Rechts die fein ziselierte Fassadenfront der Neubauten im Retortenstadtteil HafenCity, das maritime Gewusel am Sandtorhöft, die Silhouette der Stadt mit Michel, Landungsbrücken, dem früheren Hafenkrankenhaus über allem strahlender Sonnenschein. Schöner hat sich Hamburgs Wasserkante lange nicht mehr gezeigt, als an den zwei Tagen, an denen das Festival "Elbjazz" Premiere feierte.

Elbjazz, das sind mehr als 40 Veranstaltungen auf 15 zumeist bisher unentdeckten Bühnen, Konzerte von klassischem Bigband-Jazz über orchestralen Fado, Gypsy-Swing, bis hin zu zeitgenössischer Kammermusik, Singer/Songwriter-Pop, DJ-Musik - ein reichhaltiges Programm in delikater Nähe zur Beliebigkeit. Dazu Elbe, HafenCity, Seefahrerromantik: In Hamburg reicht man die Musik an touristischer Garnitur und misst das Festival am Vorbild aus Montreux. Die Kombination von Kultur und Tourismus ist der Schlüssel, der die Herzen und Börsen potentieller Unterstützer aus dem öffentlichen und privatwirtschaftlichen Sektor besonders effizient öffnete.

Die Barkasse kämpft. Hoch schwingt sie und ein Schwall Gischt sorgt für freudige Aufregung unter den Passagieren. Einige sind nass, als sie auf dem Gelände von Blohm + Voss ankommen, auf dem zwei der wichtigsten Bühnen des Festivals stehen.

Ein schöner Platz, stilvoll ungestylt zwischen riesigen Kränen und Docks gelegen, ein Lager mit Schrottcontainern hier, Depots von überdimensionierten Fendern, Metallteilen, Seilen dort. Ein Platz ohne Kosmetik, der sein Aroma ehrlicher Arbeit auch auf die dargebotene Musik überträgt. Am Wochenende spielten hier die größten Acts des Festivals: Till Brönner, der Foto-Shootingstar des deutschen Jazz, ein Rollenspieler, der bei diesem Festival die Showtreppe zu Hause gelassen hat und mit seinem Quintett andeutet, wie gut er als Trompeter sein kann. Manu Katché, der Schlagzeuger, in Frankreich ähnlich prominent, nur dass er die Rolle als Medienstar und Moderator des Jazz lässiger und selbstbewusster interpretiert und die Versuchung, zu singen, gar nicht erst verspürt. Der aufstrebende Singer/Songwriter Hamel. Nils Wülker, eine Art Till Brönner für Hamburger Lokalpatrioten.

Schade nur, dass, wann immer man aus dem Boot steigt, das Konzert fast schon wieder vorüber ist, denn shutteln heißt warten. Fünfzehn Barkassen auf neun Linien hat Elbjazz eingerichtet, wahrscheinlich ist das ein Rekord. Aber wenn man sie braucht, können ein, zwei, drei Barkassen schon mal vorüberziehen, alle auf der richtigen Linie, bevor man eine Mitfahrgelegenheit zum gewünschten Spielort findet. Das kann dauern. Dann ist die Landestelle besetzt; bevor die Barkasse anlegen kann, müssen erst die zuvor angekommenen Boote ihre Ladung löschen. Und die Wege sind weit.

Auf dem Werftgelände bleibt immerhin der Fußweg an der Hauptbühne vorbei zur "Spitzenbühne", Wasser links, Wasser rechts, dazwischen eisiger Wind. Anders als am ersten Abend, als der indoamerikanische Saxofonist Rudresh Mahanthappa einem handverlesenen Publikumsgrüppchen eine Kostprobe der Musik aus der aktuellen US-Szene gewährte, hat sich am zweiten Abend auch hier eine größere Menge versammelt, um mitzuerleben, wie der brasilianische Keyboardspieler und Komponist Eumir Deodato einen lang gehegten Traum von Tina Heine, einer der beiden Festival-Initiatorinnen, erfüllt. Mit einer Crew von Hamburger Musikern setzt er knapp vierzig Jahre, nachdem sie sein großer Hit war, seine Version von Richard Strauss "Also sprach Zarathustra" ein weiteres Mal in Groove. Starkes Mitwippen.

Ein Erfolg ist das Elbjazzfestival allemal geworden. 5000 zahlende Gäste waren nötig, um die Initiatorinnen vor dem Ruin zu bewahren - 10000 sind gekommen und hatten gute Laune, die Sonne schien. Mancher Musikfreund hätte sich mehr Musik gewünscht.

Die gab es durchaus, man hätte nur die ganze Zeit am gleichen Ort verweilen müssen. In der Katharinenkirche zum Beispiel, wo Wolfgang Muthspiel allein mit seiner Gitarre und den Loopmaschinen über Beatlessongs meditierte, bevor der Tenorsaxofonist Heinz Sauer im Duo mit dem Pianisten Michael Wollny mit einem Höchstmaß an Konzentration das musikalische Material, aus dem Standards gemacht sind, bis auf den Kern freispielten oder später das Portico Quartet den metallischen Sound des Hang zum Tanzen brachte. Oder im Bauch der Cap San Diego. Oder im Plüsch des Stage Kehrwieder-Theaters. Wer blieb, hatte es gut. Wer kam, kam macnhmal zu spät und stand vor überfüllten Räumen.

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