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Feine Sahne Fischfilet Ein bisschen krass muss sein

Das Wort „Arschlöcher“ ist in der Tagesschau selten zu hören. Ein Besuch bei „Feine Sahne Fischfilet“, deren Sänger jüngst gegen Nazis gepoltert hat.

Feine Sahne Fischfilet
„Kopf hoch, Brust raus“ – die Band lässt sich vom rechten Gegenwind nicht einschüchtern. Foto: Andreas Hornoff

Es ist zwei Uhr in der Nacht, als Peter Tucholski von einem lauten Geräusch geweckt wird. „Das ganze Haus hat gescheppert“, erinnert sich der 65-Jährige. Durch den Briefkastenschlitz seines Hauses in Loitz (gesprochen „Löötz“, mit gedehntem „ö“) haben Unbekannte einen Sprengsatz gesteckt. Der innenliegende Briefkasten – eine stabile Gründerzeit-Kommode aus Kirschholz – zerspringt in tausend Stücke, die Splitter fliegen bis in den ersten Stock. Verletzt wird niemand.

Tucholski erstattet Anzeige, am folgenden Vormittag bekommt er Besuch von der Polizei aus Greifswald („die waren sehr zuvorkommend“) und vom Staatsschutz. Auch Beamte des Ordnungsamts der Gemeinde Peenetal/Loitz schauen sich interessiert um, sie fragen sich, ob wohl mit den Fluchtwegen alles in Ordnung sei. „Die haben versucht, mich ein bisschen zu piesacken“, erzählt Tucholski.

Vorleben als Fußball-Hooligan von Hansa Rostock

Ihr Ziel erreichen aber weder die nächtlichen Besucher mit dem Knallkörper noch die gestrengen Herren vom Ordnungsamt. Tags darauf findet auf Tucholskis Anwesen im großen Ballsaal das Konzert mit der Punkband Feine Sahne Fischfilet wie geplant statt. Die sechs Musiker feiern die Veröffentlichung ihres neues Albums „Sturm & Dreck“ in jener Kleinstadt, in der sie vor zehn Jahren zum ersten Mal gemeinsam geübt haben – es ist ein Album, das die Gruppe aus Vorpommern noch ein Stück weiter in den Fokus der bundesdeutschen Öffentlichkeit und in den Rock-Mainstream katapultieren dürfte. Und das mit einem Sound, den die Band selbst augenzwinkernd als „antifaschistische Bierzeltmusik“ beschreibt. Zwei Bläser verfeinern das knüppelharte Punkrock-Gerüst mit Trompete und Flügelhorn. Britische Ska-Bands sind als Einfluss ebenso herauszuhören wie die Toten Hosen, für die Feine Sahne Fischfilet im Dezember 2017 als Vorgruppe gespielt hat.

Die Konzerte der eigenen Frühjahrstournee „Alles auf Rausch“ sind weitgehend ausverkauft, im Juni spielen Feine Sahne Fischfilet auf zwei der größten Open-air-Festivals des Landes („Hurricane“ und „Southside“) und am Morgen vor der Party in Loitz stehen Sänger Jan „Monchi“ Gorkow und Gitarrist Christoph Sell in einem Hamburger Fernseh-Studio und geben der Frühausgabe der „Tagesschau“ ein langes Interview. Es wird ein Gespräch mit gebremstem Schaum. Sänger Monchi, der ein bewegtes Vorleben als Fußball-Hooligan von Hansa Rostock hat, entschuldigt sich sofort, nachdem ihm im Zusammenhang mit Rechtsradikalen das Wort „Arschlöcher“ rausgerutscht ist. Nicht so schlimm, erwidert der Moderator, wir sind ja nicht in Amerika. Danach läuft ein kurzer Ausschnitt der aktuellen Single „Zurück in unserer Stadt“, ein hochtouriges Sauflied mit politischem Subtext und der Refrainzeile „Wir scheißen vor eure Burschenschaft.“

Die Stadt mit den rechtskonservativen und nationalistischen Burschenschaften, denen man gerne symbolträchtig was Braunes vors Haus legen würde, ist Greifswald an der Ostsee. Dort hat die Band im vorigen Jahr ihren ersten eigenen Proberaum eingerichtet, die zwölf Songs für „Sturm & Dreck“ sind hier entstanden. Doch ergeht es den Musikern, die sich immer wieder mit der Neonazi-Szene in Mecklenburg-Vorpommern angelegt haben, nicht besser als ihrem Ballsaal-Vermieter Peter Tucholski. Eines Nachts werden die Scheiben eingeworfen, Buttersäure und der Schaum eines Feuerlöschers sorgen für bestialischen Gestank und erheblichen Sachschaden. Anfeindungen aus dem rechten Spektrum sind Feine Sahne Fischfilet gewöhnt, vor allem Sänger Monchi, ein auffälliger Typ mit seinen 1,94 Meter Körpergröße, dick, vollbärtig, tätowierte Beine, bei jedem Wetter in kurzen Hosen. Ihr gestiegener Bekanntheitsgrad schütze die Band nicht unbedingt, glaubt Trompeter Max Bobzin: „Wenn uns etwas passiert, erfahren das zwar viele Leute, aber dass wir 110 000 Fans auf Facebook haben, verhindert keine Angriffe.“

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