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Erster Todestag von David Bowie Ein Profi bis zur letzten Minute

David Bowie verband Rausch und Kontrolle. Nie wieder hat jemand so viel geballte Emotion durch das Nadelöhr der Maskerade pressen können. An diesem Sonntag wäre David Bowie 70 Jahre alt geworden.

David Bowie auf dem Roskilde-Festival im Jahr 1996. Foto: imago/Votos-Roland Owsnitzki

Die erste Videoaufzeichnung von David Bowie stammt aus dem November 1964. Er hieß damals noch David Jones, war 17 Jahre alt und spielte in einer Schülerband namens The Manish Boys. Die Band mühte sich redlich mit rumpeligen Blues- und jaulenden Gitarrennummern ab. Bowie hatte gerade mit Freunden die „Society for the Prevention of Cruelty to Long-Haired Men“ gegründet. Diese Gesellschaft hatte, wie jeder Langhaarige in den Jahren danach am eigenen Leib erfahren konnte, nicht viel Erfolg, aber zumindest hatte sie die Aufmerksamkeit der BBC auf sich gezogen. Und so saß Bowie nun, die blonden Haare nicht mal schulterlang, aber den Pony sauber heruntergekämmt bis zu den Augenbrauen, artig im Sakko und mit schmaler Krawatte vor dem Moderator Cliff Michelmore und gab Auskunft zu den ständigen Anquatschungen und Belästigungen, denen Langhaarige ausgesetzt waren. Kommentare wie „Darling!“ oder „Darf ich deine Handtasche tragen?“ müssten endlich aufhören.

Das letzte Video von David Bowie wurde am 7. Januar 2016 veröffentlicht, einen Tag vor seinem 69. Geburtstag, drei Tage vor seinem Tod. Es zeigt ihn mit einem Kopfverband auf einem Krankenhausbett. In Höhe der Augen sind schwarze Knöpfe aufgenäht – Knopfaugen, button eyes, sagt man im Englischen. Bowie trägt einen weißen Pyjama, wirkt ausgezehrt und stark lädiert, aber er singt noch immer. „Look up here, man, I’m in danger, I’ve got nothing left to lose.“ Als zwei Tage später die Nachricht von seinem Tod um die Welt geht, verblüfft vor allem die erste Zeile dieses Songs, „Lazarus“: „Look up here, I’m in heaven“. Knapp 40 Millionen Mal wurde das Video bislang angeklickt. Kaum einen Betrachter wird dieser seltsame Abschied kalt gelassen haben. Am Schluss verschwindet der Sänger in einen Schrank.

Die 52 Jahre, die zwischen den beiden Videos liegen, bilden fünf Dekaden eines, verzeihen Sie den trivialen Ausdruck, höchst professionellen Umgangs mit dem Anderssein. Schon wie Bowie mit 17 beredt Auskunft erteilte über die Wirkung langer Männerhaare auf die Bevölkerung, hatte etwas entwaffnend Distanziertes. Die aggressive Provoattitüde der Beatniks war ihm völlig fremd. Die liebenswerte Reaktion manch welterfahrener Omi auf lange Haare – „gepflegt müssen sie halt sein“ – traf bei Bowie genau den Richtigen. Zotteln waren seine Sache nicht.

Im Gegenteil. Als er 1969 als Major Tom in den Weltraum reiste, sich damit den damals anerkanntesten Männerberuf überhaupt unter den Nagel reißend, da tat er es mit einer derart liebevoll hochtoupierten Frisur, die rot gefärbten Haare zu einer Art Helm mit langem Nackenschutz gekämmt, dass sein Träger allenfalls vergleichbar schien mit einer Friseuse aus Brixton, die ihren beruflichen Ehrgeiz vor allem auf den eigenen Kopf konzentriert.

Mit seinem anrührend blassen, mageren Gesicht hatte Bowie sich mit einem solchen Liebreiz auf den Weg ins Universum der Geschlechterrollen gemacht, dass ihm nicht mal die ärgsten Spießer wirklich böse sein konnten. Zumal der Song umwerfend kindlich den Heroismus zum Ausdruck brachte, den man damals, im Jahr der ersten menschlichen Schritte auf dem Mond, mit der Raumfahrt verband.

Mit der Schwerkraft verließ David Bowie auch den Magnetismus der Geschlechterrollen. Mit der Space Oddity begann eine Raumfahrt ins Offene, die den Ballast des Männlichen hinter sich ließ wie die Apollokapsel ihre Trägerrakete. Fortan war Bowie ein Astronaut im Universum der Sexualität, der von einer Rolle in die nächste schlüpfte. Hauptsache, wir in der Basisstation hatten ihn noch im Kopfhörer. Can you hear me, Major Tom?

Er verband Rausch mit Kontrolle

Bowie wurde zu Ziggy Stardust, Aladdin Sane, The Thin White Duke, Detektiv Nathan Adler. In den exzentrischsten Zeiten bevorzugte er den Jumpsuit, den Overall der Fallschirmspringer, der ihm die Grundform liefert für unzählige, eng anliegende Varianten: aus Netzstoff mit einem kurzen und einem langen Bein, aus Wolle mit Kaninchenmuster oder als knappes Spielhöschen, wie es die Päderasten lieben. Er trug Bodys mit aufgenähten Plüschhänden, die von hinten seine Brust befummeln, aber auch schwarze und cremefarbene Dreiteiler samt passenden Gehstöcken. Er trat als elegante Witwe mit Krückstock auf oder als laszive Sphinx, deren Körper im Unterleib einer Dogge endet. Das Wundersame daran war, dass Bowie nie die Contenance verlor. Er blieb sich in allen Varianten ähnlich, beherrscht vom geölten Scheitel bis zum pedikürten Zeh, ein Wesen von einem anderen Stern, aber von allerbesten Manieren.

Nie wieder hat jemand so viel geballte Emotion durch das Nadelöhr der Maskerade pressen können. Bowie verband Rausch und Kontrolle. Dass er damit Erfolg hatte, ist umso erstaunlicher, als das maskuline Rock-Ideal seiner Zeit in die entgegengesetzte Richtung wies. Der Kult der Authentizität im Rock’n’Roll, bei dem man sich darin verausgabt, mit zum Zerreißen gespannten Stimmbändern Denkmäler des eigenen Selbst in die Atmosphäre zu dengeln, ist Bowies Sache nun wirklich nicht gewesen. Während beispielsweise Mick Jagger noch in seinen androgynsten Auftritten den Macker heraushängen ließ, war Bowie immer friedlich wie ein Lamm, das sich gleich umziehen wird, um sich in eine bestrapste Antilope zu verwandeln – eine Antilope, die allerdings so mitreißend singen kann, als säße man mit in ihrem Hirn.

Entsprechend rhapsodisch, zitatenhaft, bisweilen fast karnevalesk ließ Bowie seine Musiker spielen. Sie musizierten zwar wundersam tanzbar, vermieden aber die auf Entäußerung zielenden Rockstandards, verneigten sich bisweilen in Richtung Zirkusorchester, zuletzt in Richtung des Jazz.

Wer Bowie wirklich war, wie er tickte, wenn er entspannt auf dem Sofa lag, werden wir nie wissen. Einige wenige Interviews aus den letzten Jahren geben einen Eindruck davon, wie „normal“ er wohl sein konnte. Der „wirkliche“ Bowie machte sich unter seinen vielen Kunstfiguren so rar wie irgend möglich.

Bei der Ausstellung, die das V & A-Museum in London über sein Werk organisiert hatte, glänzte er durch Abwesenheit. Er wusste bis zum Schluss, was er der multiplen Kunstfigur Bowie schuldig war. Selbst das Sterben kam nicht ohne Inszenierung aus. Bowie behielt die Regie. Ein Profi bis zur letzten Minute. Eine Kunstgestalt, hinter der er sich wohl ein Leben lang dankbar versteckte. Vielleicht auch, um sich dahinter ungesehen zu ganzer Größe aufzurichten. Und wir, ein bisschen wenigstens, mit ihm. Lazarus eben.

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