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Erinnerung an Komponisten Tilo Medek Im Westen ungeküsst

Von der schwierigen Ankunft eines Dissidenten - Erinnerung an den Komponisten Tilo Medek, der im Zuge der Biermann-Affäre die DDR verließ. Am 22. Januar wäre er 70 geworden.

Vor der Wende: Tilo Medek 1977 in Köln. Foto: roland scheidemann/dpa

Halbwegs eigensinnige Komponisten hatten es in der DDR nicht leicht, das weiß heute jeder. Eine nicht ganz unerhebliche "Belohnung" für offizielle Missfallenserregung winkte ihnen aber: die prompte Beachtung westlicher, insbesondere westdeutscher Musikinstitutionen.

Diese durch den politischen Systemgegensatz bedingte Karriereförderung entfällt seit der Wende. Und schon vorher mussten exilierte oder ausgebürgerte Ost-Künstler erleben, wie sie, diesseits des Eisernen Vorhangs angekommen, auf die dem interessanten Dissidenten und Exoten geltenden veranstalterischen Kusshände verzichten mussten und sich geduldig in die lange Warteschlange der hiesigen Marktchancensucher einzureihen hatten.

Der junge Tilo Medek (damals hieß er noch Müller-Medek) fiel 1967 auf mit einer kessen, den militaristischen Hintergrund scharf herauspräparierenden Version des berühmten Mozart´schen "Alla turca" (aus der A-Dur-Klaviersonate) für 2 Klaviere, jetzt Bestandteil des Zyklus "Lesarten". Diese "Musik über Musik" war einigen DDR-Kulturerbe-Verwesern suspekt, und umso neugieriger wurde man in der Bundesrepublik auf ein aufmüpfiges Talent.

Im Gefolge der Biermann-Affäre verließ Medek 1977 den Funktionärsstaat und ließ sich am Rhein nieder. Er hatte es anschließend nicht leicht, sich als freischaffender Komponist hierzulande durchzubeißen. Es gelang ihm mit einer vielseitigen, auch quantitativ beeindruckenden Produktion. Er schaffte es sogar, wie Stockhausen mit viel unternehmerischem Elan einen eigenen Musikverlag für sein Oeuvre auf die Beine zu stellen.

Dem Prinzip "Musik über Musik" hielt er die Treue; sehr originell manifestierte es sich etwa in dem Orchesterwerk "Späte Bagatellen mit frühen", in dem er Klavierstücke Beethovens mit Material aus anderen "übermalte" und auch mit einer holzschnittartig-skurrilen Instrumentation surreale Effekte erzeugte. An mehreren Opernhäusern erfolgreich war seine Heinrich-Böll-Oper "Katharina Blum" (1986). Zu den Hauptwerken gehören die Rilke-Kantate "Gethsemane" (1980) und das Chorstück "Der Frieden wird immer gefährlicher" nach Texten von Friedrich Dürrenmatt (2002). Mit seiner stilistischen Beweglichkeit war Medek auch eine gefragte Adresse für "Gebrauchsmusik" aller Art.

Tilo Medek stammt aus einer Jenaer Musikerfamilie. Der 1940 Geborene absolvierte breite Studien, verschaffte sich auch in außermusikalischen Disziplinen einen weiten Denkhorizont; der Freund Friedrich Dieckmann promovierte ihn zum "musicus doctus". Medek starb 2006 mit 66 Jahren. Am 22. Januar wäre er siebzig geworden.

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