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Erik Satie „Musikalisch wollte er sich zwischen alle Stühle setzen“

Zum 150. Geburtstag von Erik Satie: Pianist und Komponist Steffen Schleiermacher spricht im FR-Interview über zähe Missverständnisse, ratlose Zuschauer und anmaßende Drogeriemärkte.

15.05.2016 14:53
Stefan Schickhaus
Maskerade zwischen Dandy und Buchhalter: Erik Satie (1866-1925). Foto: imago/Leemage

Herr Schleiermacher, am 17. Mai jährt sich der Geburtstag von Erik Satie zum 150. Mal. Wer war dieser Satie: Ein Schalk, der seine Mitwelt bewusst irritierte oder provozierte mit netten kleinen Klavierstücken wie diesen Gymnopädien, die jeder gleich mitsummen kann? Oder ein Revolutionär, der die letzten Reste der Spätromantik weghypnotisierte? Oder eine bloße Zeiterscheinung, Dada in Tönen?

Vermutlich von allem ein bisschen. Ich glaube, hinter seinen vielen Masken verbarg sich einerseits ein ziemlich einsamer, melancholischer Mensch. Andererseits war er ein ernster Komponist und dazu ein scharfer und zuweilen recht spöttischer Geist. Er hat es immer abgelehnt, zu irgendwelchen Schulen oder Vereinen zu gehören. Und warnte übrigens auch stets vor den Satie-isten.

Satie gründete mit der „Eglise Métropolitaine d’Art de Jésus Conducteur“ eine eigene Kirche, war aber auch kurzzeitig als Satanist unterwegs. Er schrieb Stücke in Birnenform und für Hunde und über vertrocknete Embryonen und komponierte oder besser konzeptionierte eine „Quälerei“, bei der wenige Takte so oft wiederholt werden, dass das Ganze einen Tag und eine Nacht dauert. Er schien also sowohl als Privatmann wie auch als Musiker zumindest exzentrisch zu sein. Fällt Ihnen ein besseres Wort ein?

Satie hat sich natürlich selbst inszeniert, auch als Person: zunächst als Bohémien und Dandy, dann als vornehmer Gentlemen und schließlich als eine Art Büroangestellter, der er natürlich nie war. Die Maskerade ging bis in seine Kleidung hinein: mit Melone, Anzug und stets mit einem Regenschirm. Den er übrigens nie aufspannte, auch nicht bei Regen. Die Titel, die Satie seinen Musikstücken gab, sind in der Tat immer sehr besonders und abwegig. Ich vermute, dass das auch eine Art Schutzschild für seine wahrscheinlich sehr verletzliche Seele war. Und sie führen in der Regel auf falsche Fährten und sollen den Interpreten und auch das Publikum verwirren. Insofern gehört Satie auch fast zum Surrealismus.

Dazu passt, dass sich in seinen Partituren Spielanweisungen finden wie: „Vergraben Sie den Ton in Ihrer Magengrube“ oder „beinahe unsichtbar“ oder „sehr christlich“. Wie hilfreich ist so etwas für einen Pianisten?

Da sind die Grenzen fließend. Seine Spielanweisungen, die anfangs durchaus noch – mehr oder vor allem weniger – sinnvoll aber doch inspirierend waren, entwickelte er irgendwann weiter zu regelrechten Geschichten, die er in den Notentext schrieb. Er wollte aber nicht, dass der Interpret diese dem Publikum vorliest, vor allem nicht während des Spiels. Für ihn war das eine Art geheime Kommunikation, ausschließlich zwischen Komponist und Interpret. Die Geschichten haben auch oft nur wenig mit der Musik zu tun, die Musik war also keineswegs die melodramatische Untermalung des Textes, sondern eigenständig.

Satie war aber auch der Erfinder der Hintergrundmusik, bei ihm hieß das Musique d’ameublement, also „Einrichtungsmusik“. Müsste man ihm dafür nicht nachträglich noch den Kopf abreißen?

Ihm ging es bei der Musique d’ameublement keineswegs um die ständige Berieslung bei jeder Gelegenheit und an jedem Orte. Ihn störte nur, dass beispielsweise in Cafés, deren ständiger Besucher Satie ja war, zur Unterhaltung der Gäste wahllos Musik gespielt wurde in zum Teil schauerlichen Arrangements: Auszüge aus Opern neben banaler Unterhaltungsmusik, schlichteste Bearbeitungen der großen Musikliteratur neben albernen Potpourris. Seine Idee war, eine Art Kaffeehausmusik zu komponieren, die nicht stört, keinen großen künstlerischen Anspruch hat, aber deshalb nicht gleich banal ist. Man darf sie überhören können, aber wenn man ihr lauscht, soll sie eben nicht nerven. Es gibt jedoch im Grunde nur wenige Takte solcher Musik aus Saties Feder. Er hat wohl die Vergeblichkeit dieses Tuns eingesehen.

Was heute „Muzak“ oder „Ambient Music“ heißt, kann also bis Satie zurückverfolgt werden. Darf sich jeder Drogeriemarkt brüsten, mit seiner Beschallungsanlage eine hehre Musiktradition fortzusetzen?

Drogeriemärkte dürfen sich grundsätzlich mit gar nichts brüsten.

Die Notenausgaben im Bärenreiter-Verlag haben Sie mit aufführungspraktischen Hinweisen ergänzt. Und da sprechen Sie auch eine Warnung aus, bezogen auf das abendfüllende Werk „Le fils des etoiles“: „Man sei als Pianist gewappnet, dass sich im Konzert stets eine Fluktuation des Publikums einstellt, zuweilen mutwillig demonstriert wird, zuweilen diskret.“ Kann das, was neulich in Köln passierte, also ein Aufstand der Zuhörer bei relativ alter Musik, auch dem Satie-Interpreten blühen? Und sprechen Sie da aus eigener Erfahrung?

Das betrifft nur dieses eine Stück, welches eine Bühnenmusik für ein symbolistisches Drama des obskuren Dichters Sar Peladan ist. Hier stand eindeutig der Text im Vordergrund, der seinerzeit simultan dazu – in gehobener, also recht geschwollener Weise – rezitiert wurde. Die Musik war nur als atmosphärische Begleitung konzipiert, sie beschränkt sich auf wenige Motive und Sequenzen, die ständig wiederholt und aneinandergereiht werden. Wenn man dieses lange Stück in einem Konzert spielt, sollte man das Publikum vorbereiten auf das, was da kommt. Das hilft. Übrigens auch bei anderen Werken bzw. Komponisten. Alles andere von Satie kann man bedenkenlos und ohne Nebenwirkungen im Konzert spielen, auch die weniger bekannten Stücke.

Warum taucht dennoch nie ein Satie-Stück, nicht einmal die populärsten wie die „Gnossiennes“ oder die „Gymnopedies“, in den Konzertprogrammen namhafter Pianisten auf – einmal von Ihnen abgesehen? Für Kinder zu leicht, für Erwachsene zu schwer, so wie es über Mozarts Klaviersonaten heißt?

Das ist nicht zu verstehen. Allerdings darf man Satie nicht unterschätzen. Seine Stücke haben durchaus ihre Schwierigkeiten und Fallen. Man muss dem anscheinend einfachen Notentext musikalisches Leben einhauchen, sonst fällt das wie ein Soufflé in sich zusammen. Wobei ich mich generell bei den üblichen Konzertprogrammen frage, warum diese im Grunde 99 Prozent der komponierten Musik ausklammern und sich immer wieder – und zunehmend mehr – auf das ständige Wiederholen der gleichen angeblichen „Hits“ beschränken. Wobei bei wirklich guten – und nicht nur namhaften – Interpreten sogenannte Außenseiter ja durchaus auftauchen.

Viele seiner Werke sind mit „Langsam“ überschrieben, und in der Tat hat man Saties Klavierwerk als geradezu hypnotisch und zeitenthoben vor Ohren. Ist es Musik des Stillstands? Möbel stehen ja auch meist still im Raum.

Nun, „langsam“ ist relativ. In wenigen Manuskripten von Satie gibt es exakte Tempoangaben mit einer Metronomzahl. Und da ist erstaunlich, wie schnell für Satie „langsam“ war. Seine Musik ist also keineswegs als Vermessung des musikalischen Stillstandes zu verstehen. Es gibt da auch bei Interpreten erstaunliche Missverständnisse und Ansichten.

Eigentlich müsste Satie-Musik heute doch ganz hoch im Kurs stehen. Sie ist das Gegenteil von hektisch, sie stört niemanden, sie passt zu fast jedem Essen. Und trotzdem spielt sie keine Rolle. Müssen wir noch bis zu seiner Zweihundertjahrfeier warten, bis mehr als die drei Gymnopädien in der Breite angekommen sind?

Satie wird nie in der Breite ankommen. Das ist schade, weniger für Satie als für die, die seine Musik nie kennenlernen! Bekannt geworden ist er, weil seine Musik als Soundtrack für Werbespots dienen musste – es war irgendetwas mit Einseifen, entweder ein Shampoo oder eine Versicherung… Und kaum ein Naturfilmer kommt heute ohne Musik von Satie – oder besser: deren freier Nachahmung – aus. Im Konzert wird er jedoch nie heimisch werden. Und das wollte er vermutlich auch nicht, sein Leben fand ja ständig zwischen Kaffeehaus und Konzertsaal statt. Er hat sich musikalisch gesehen konsequent zwischen alle Stühle gesetzt. Mit Absicht.

Sie haben ja einige Stunden von Saties Klaviermusik auf CD eingespielt – das Gesamtwerk? – und jüngst auch dessen Lieder und Chansons. Welches ist Ihr persönliches Lieblingsstück aus Saties Werkkatalog?

Es ist nicht das Gesamtwerk. Das wäre auch viel zu un-Satie-isch. Mich interessieren viele Stücke, mal das eine mehr als das andere. Ein ständiges Highlight sind aber seine „Sports et divertissements“, ein richtiges frühes Multi-Media-Werk mit Texten, Zeichnungen und Musik. Schwer aufzuführen, weil man die Bilder irgendwie projizieren sollte und sich zu den Texten verhalten muss, wobei Satie das Verlesen ja eigentlich verboten hat. Aber wenn es die Möglichkeit gibt, führe ich das gern auf und blättere auch mal im stillen Kämmerlein nur für mich durch das Album.

Und wie profitieren Sie als Komponist von Ihrer Beschäftigung mit Satie? Beherzigen Sie zum Beispiel sein Credo „Bevor ich ein Werk schreibe, gehe ich in Gesellschaft meiner selbst ein paarmal um es herum“?

Das ist doch ganz zauberhaft formuliert! Und bedeutet doch nur, dass man, bevor man etwas tut, sich die Sache von verschiedenen Seiten her überlegen soll. Das mache ich – meistens. Und würde es eigentlich auch jedem anderen anempfehlen.

Interview: Stefan Schickhaus

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