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Ensemble Modern Die errettete Dunkelheit

„In vain“, ein Hauptwerk von Georg Friedrich Haas, mit dem Ensemble Modern in der Frankfurter Union Halle.

Seltsam: Das repräsentative Konzerthaus Frankfurts, die Alte Oper, ist unfähig, in seinen Mauern ein musikalisches Hauptwerk des bisherigen Jahrhunderts zu platzieren. Georg Friedrich Haas fordert nämlich in seinem Orchesterstück „In vain“ für insgesamt 26 von 70 Minuten Gesamtdauer absolute Dunkelheit, also auch das Ausschalten der Notbeleuchtung. Falls es technisch überhaupt möglich gewesen wäre:

Die Alte Oper wagte nicht, den Sekuritäts-Amtsschimmel einmal für kurzer Zeit angepflockt stehen zu lassen, was kürzlich dem Staatstheater Darmstadt ohne weiteres gelang. So wurde das Publikum der Abonnements-Konzerte des Ensemble Modern diesmal in die etwas abgelegene Union Halle in der Hanauer Landstraße verbannt. Eigentlich keine schlechte Wahl; der mittelgroße Raum mit Galerien, aus einer Fertigungshalle ansehnlich zum Kulturort verwandelt, könnte regelmäßiger für Konzerte genutzt werden; auch die Hörgäste schienen zufrieden. Auf dem etwas engen Podium waren 24 Instrumentalisten aktiv unter der ebenso besonnenen wie unerschütterlichen Leitung von Jonathan Stockhammer.

Haas und die Dunkelheit: Das ist kein simpler Flirt, nicht nur Markenzeichen oder bloße Provokation. Das Nächtliche, ja doch ein essentielles Ästhetikum, wird vielmehr (in verschärfter Nachfolge der Romantiker) als bedrohtes Kulturgut gesehen, von der omnipräsenten „Lichtverschmutzung“ aus der Zivilisation exorziert (auch in der Union Halle wurden diverse Vorkehrungen für Notfälle getroffen, als seien ein paar Minuten Finsternis sonst nur noch Iron Men zuzutrauen). In den Dunkelzonen der Partitur verliert die Musik zunächst ihr ohnedies nicht sehr ausgeprägtes figurativ-gestalthaftes Gepräge und wird flächenhaft mit akustischen Wolkenzügen, die sich ruhig und behutsam ineinander schieben und voneinander lösen. In der längeren „Nachtphase“ geben periodische Lichtblitze dann aber präzise Orientierungen für bestimmte Impulse und Verlaufsänderungen – innerhalb einer suggestiv-magmatischen Tonsprache, in der vor allem kaskadenartig stürzende Skalenläufe, mikrointervallische Clusterschichtungen und (hinreißend wirkungsvoll im Blech) Naturton-Klangsäulen hervortreten.

„In vain“ („Vergebens“) ist, wie einige andere Werke des Österreichers Haas (Jahrgang 1953), ein ungewöhnlicher Appell auch insofern, indem er dem Hörer noch eine andere „Zumutung“ aufbürdet als nur ungewohnte Klangstrukturen. In der Beschwörung der Dunkelheit gemahnt Haas an die Rilke-Devise vom Schönen, das des „Schrecklichen Anfang“ ist. Die unbezweifelbare Schönheit dieser Musik geht schon ein wenig weiter.

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