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Enoch zu Guttenberg im Rheingau Hundert Minuten Überwältigung

Mit breitem Pinsel: Enoch zu Guttenberg dirigiert Dvoráks Requiem beim Rheingau Musik Festival in der Basilika von Kloster Eberbach.

27.06.2016 16:46
Tim Gorbauch

Noch nie hat Enoch von Guttenberg einen Zweifel daran gelassen, wie er geistliche Musik begreift: als tönende Kathedrale, mindestens als etwas Großes, Ehrfürchtiges, Überwältigendes. Man muss nur einmal hören (und sehen), wie er sich Bachs Passionen annähert, mit dramatischer Geste, endlos weiten Bögen und fulminanten Kontrasten. Sicher: andere Dirigenten gehen filigraner vor, sorgen sich mehr um das Detail und die Sprach-, die Artikulationsfähigkeit der Musik. Guttenberg dagegen malt seit je mit breitem Pinsel. Er schenkt uns mächtige, kraftvolle Tableaux. Wenn man so will, gleicht jede seiner Aufführungen einem Bekenntnis.

Beim Rheingau Musik Festival ist Guttenberg mit seiner Chorgemeinschaft Neubeuern und dem Orchester der KlangVerwaltung seit Jahren ein verlässlicher Gast. In diesem Jahr, in dem Dvoráks 175. Geburtstag gefeiert wird, bringt er dessen selten gespieltes, geradezu riesenhaftes Requiem mit in die Basilika von Kloster Eberbach – einem akustisch überaus heiklen Ort, in dem Guttenbergs auf kolossale Wirkung setzende Ästhetik besonders gut beheimatet ist. Das Requiem selbst, 1890 komponiert, mehr als 100 Minuten lang und in Anlage, Besetzung und Ausmaß von der prachtvollen Chortradition des späten 19. Jahrhunderts inspiriert, ist für einen hedonistischen Klang-Musiker wie Enoch von Guttenberg ein Geschenk.

Er denkt skulptural

Wie aus dem Nichts erhebt sich die Musik, aus einer anderen Welt. Von der anderen Seite gewissermaßen tönt sie herüber, gewinnt allmählich Struktur und bald auch Vehemenz. Schon in den ersten Minuten ist der Dynamikumfang, den Dvorák fordert, immens. Und Guttenberg, der sich mit Klang-Gewalten auskennt, findet darauf die passende Antwort, indem er die Musik skulptural denkt. Sein Dvorák ist gleichsam mit vollem Körpereinsatz gespielt. Immer wieder sucht er neue Höhepunkte, ringt um Größe und Erhabenheit. Man muss nur einmal hören, wie sich das Lacrymosa auf das finale Amen hin zuspitzt, wie Guttenberg diese dynamische Wucht auskostet, das ist schon wirklich fantastisch.

In der knapp 80 Sänger starken Chorgemeinschaft Neubeuern, die Guttenberg vor bald 50 Jahren gründete, hat er dafür einen hochgradig verlässlichen Interpreten, genauso im Orchester der KlangVerwaltung, dessen Chefdirigent er seit 1997 ist. Doch noch nicht einmal sie können verhindern, dass Dvorák sich in seiner Sehnsucht nach einem gewaltigen, fast ekstatischen opus summum allzu sehr verausgabt. 100 Minuten Überwältigung können auch lang sein. Wenn auch die Wärme, die er uns zum Abschied im Agnus Dei schenkt, noch lange nachklingt.

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