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Echo-Verleihung 2018 Antisemitismus als ästhetischer Code

Der Echo-Musikpreis ignoriert 2018 den strukturellen Antisemitismus und Sexismus in der Rapper-Szene. Daher dürfen Gangsta-Rapper Kollegah und Farid Bang doch zum Echo.

Kollegah
Kollegah ist sich sicher, wo es langgehen muss. Foto: Imago

Der Skandal ist da, er ist monetarisiert und überwunden. Gangsta-Rapper Kollegah und Farid Bang dürfen doch zum Echo. Sie haben gute Chancen, in der Kategorie „Hip-Hop / Urban International“ einen Preis zu gewinnen – trotz der viel diskutierten Textzeile „Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen“ in dem Lied „0815“ auf der EP „§185“, Teil des Albums „Jung, brutal, gutaussehend 3“, das pünktlich zum Weihnachtsgeschäft 2017 erschienen war und sich sehr, sehr gut verkauft.

Der Vorwurf lautet Antisemitismus und seit bekannt ist, dass Felix Blume (Kollegah) und Farid Hamed El Abdellaoui (Farid Bang) für den Echo-Musikpreis nominiert sind, bemühen sich beide, den zu entkräften. Sie haben sich bei Holocaust-Überlebenden entschuldigt und wollen jüdischstämmige Fans kostenlos auf Konzerte einladen. Zudem plädieren sie für die Freiheit der Kunst.

Wer Antisemitismus in Blumes und Abdellauois Liedern sucht, der wird trotz gegenteiliger Beteuerung schnell fündig. „Ich leih dir Geld, doch nie ohne jüdischen Zinssatz“ oder „Ich kann machen, was ich will dank meines jüdischen Anwalts“ rappt Kollegahs Kollege Favorite in dem gemeinsamen Track namens „Sanduhr“. Blume selbst wird nicht ganz so explizit, bleibt in seinen Tracks an der Grenze zwischen offenem Antisemitismus und mehr oder minder plumper Provokation. „Du frisst den Pistolenlauf – Hurensohn Holocaust“ ist ein vielsagendes Beispiel dafür.

Das Kokettieren mit Gewaltfantasien gehört zum Gangsta -Rap und kaum einer beherrscht das so gut an der Grenze entlang wie Blume. Denn Kollegah ist gebildet, der im hessischen Friedberg geborene Künstler hat sein Abitur an einem Gymnasium im Hunsrück gemacht und in Mainz Jura studiert. Auch die rhetorische Begabung kann man dem Sohn eines kanadischen Vaters und einer deutschen Mutter ganz sicher nicht absprechen.

Deutlicher wird Kollegah unter anderem vor Ort, in Palästina. Ende 2016 erschien ein Video mit dem Titel „Kollegah in Palästina“, eine „sogenannte Dokumentation“, wie es Hip-Hop Journalist Marcus Staiger in einem Text für das Internetmagazin „Noisey“ bezeichnete. Blume inszeniert sich dort als Macher, der den Konflikt verstanden hat und sich einsetzt, in seinem Fall für die unterdrückten Palästinenser. Der Film strotzt vor anti-israelischen Statements. Die israelische Armee könne in Ramallah „machen, was sie wolle“ oder sie „nehmen morgens um 6 Uhr Schulkinder mit“. In der Selbstinszenierung posiert der heutige Wahl-Düsseldorfer mit aufblasbarer Plastikrakete an einem Checkpoint an der Grenze zu Israel, an dem Tage zuvor die „Soldaten einen Jungen erschossen haben – aus Notwehr“. Was er davon hält, macht er deutlich, indem er das Wort Notwehr gestisch mit Anführungszeichen ausstattet.

Andere Lieder von Kollegah wie „Apokalypse“ bedienen klassische antisemitische Verschwörungstheorien. Von „Illuminaten“ ist die Rede, die „Politik und US-Präsidenten“ dank ihrer schwarzen Magie zu kontrollieren wissen und die „Geschicke der Welt geschäftsmännisch lenken“. Man sehe zwar, dass „Buddhisten, Muslime und Christen gemeinsam die zerstörten Städte wieder errichten“, aber die Gefahr durch die schwarzen Bücher sei noch nicht gebannt, und diese müssten auf dem Scheiterhaufen landen. Der Antisemitismus eines Kollegah lässt sich nicht anhand von einer provokativen Zeile festmachen, nicht mal an der Person Felix Blume selbst, der nichts gegen Juden habe, wie er selbst mehrfach betont. Der Antisemitismus steckt in der Struktur, in der Kapitalismus- und Bankenkritik und in der Sprachfarbe des Raps.

Jude als Schimpfwort für Battle-Rap-Gegner

Denn der Duktus der antisemitischen Verschwörungstheorie gehört im deutschen Gangsta-Rap fast flächendeckend zum ästhetischen Code und wird längst nicht nur von Kollegah erfolgreich bedient. Frankfurt-Rapper Haftbefehl verflucht das Judentum in alten Texten, vertickt „Kokain an die Juden von der Börse“ und legt in neueren Alben seine „Rothschild-Theorie“ dar. Er distanziert sich davon in Interviews, aber die Platten sind raus und verkaufen sich. Der Berliner Bushido, einst mit dem Spezial-Bambi für Integration ausgezeichnet, weil er sich „als homophober, sexistischer Typ gut in eine homophobe, sexistische Gesellschaft eingefügt hat“, wie Rapperin Sookee unlängst im Interview mit der FR sagte, ebenjener Bushido schmückte sein Twitter-Profil mit einer Landkarte des Nahen Ostens, auf dem das Staatsgebiet Israels mit palästinensischen Farben übermalt worden war. „King of Rap“ Kool Savas benutzte zu Beginn seiner Karriere Jude als Schimpfwort für Battle-Rap Gegner. Aus der puren Lust am Skandal wird bei Savas Jahre später auf seinem gemeinsamen Album mit Xavier Naidoo struktureller Antisemitismus in Form von kruder Verschwörungstheorie.

All das wird gerechtfertigt, weil Rap institutionalisierter Normbruch sei, Provokation als Programm. Außerdem sei der Rap auch nur Teil einer Gesellschaft, die eben homophob, frauenverachtend und antisemitisch sei. Doch beide Argumente gehen gar nicht zusammen. Entweder ist die Gesellschaft diskriminierend, dann sind diskriminierende Texte kein Tabubruch. Oder es ist gezielter Tabubruch, dann ist Rap aber mehr als nur Produkt einer diskriminierenden Gesellschaft.

Sexisten sind sie gerne

Der Vorwurf der Echo-Jury und der „Bild“ lautet übrigens nicht, dass Kollegah und Farid Bang Sexismus und Homophobie propagieren. Weder bei Kollegah, der hässliche Frauen von Rottweilern jagen lassen will oder „die Drecksschlampe nicht von der Bettkante stoßen, sondern ihren Kopf auf die Bettkante stoßen“ will. Auch nicht bei Farid Bang, der in Interviews kritisiert, dass „Männer immer mehr zu Frauen werden“, sich mit Rainer Brüderle solidarisiert und sich offen als Sexist bezeichnet. Auch nicht bei Kontra K, der „hart ist und nicht mit Schwulen abhängt“ oder bei der Hamburger Crew 187 Straßenbande, bei denen Freundinnen von imaginären Feinden als „schönes Stück Fleisch“ bezeichnet werden und bei denen erniedrigender Oralverkehr mit „Schlampen“ in dicken Autos gefühlt in jedem zweiten Lied besungen wird.

Dagegen wirken Raf Camoras Tagträume, die davon handeln, dass er „mit zwei, drei Mädchen vom Balkan“ unter Palmen liegt, vergleichsweise harmlos.

Warum diese Auswahl? Weil es sich um die anderen Nominierten der diesjährigen Echo-Gala im Bereich Hip-Hop handelt. Die Auswahl repräsentiert gleichzeitig die kommerziell erfolgreichsten Rapper Deutschlands und kann gut und gerne als Speerspitze eines widerwärtigen Sexismus und der Frauenverachtung innerhalb der deutschen Rap-Landschaft bezeichnet werden. Aber das alleine reicht offenbar noch lange nicht zum Skandal.

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