Lade Inhalte...

Ebony Bones Atmosphäre des Unheils

Ebony Bones hat etwas zu sagen und tut es auch musikalisch konsequent auf ihrem neuen Album „Nephilim“.

Ebony Bones
Düstere Musik, knallbunte Kleidung: Ebony Bones. Foto: Beats International

Am Anfang dieses Albums steht ein Trauermarsch, der an die Tradition des frühen Jazz aus New Orleans erinnert. „The Watchers“ heißt diese instrumentale Nummer. Mehr als eine Minute dauert es, bis sich dann im Titelstück „Nephilim MK 01“ die verhangen klingende Gesangsstimme über die so orchestrale wie elektronisch produzierte Musik legt. Immer wieder beginnen die Stücke auf „Nephilim“, dem dritten Album von Ebony Bones, mit filmmusikgleich dramatischen Instrumentalpassagen, die man schwerlich einfach als „Intros“ bezeichnen kann. Dafür dauert es viel zu lang, bis der Gesang ins Spiel kommt.

Der Zustand der Welt ist ein beunruhigender, das sagt uns allein schon die wie traumatische Musik, die dieses phänomenale Album ausmacht. Es ist eine lastende Atmosphäre des Unheils, die sich durch sämtliche elf Nummern zieht. Ebony Bones, 1982 in dritter Generation karibischer Einwanderer in London geboren, lebt inzwischen in Peking. Es gehe ihr darum, hat sie gesagt, der Gesellschaft Anstöße von einer Position außerhalb her zu geben. Da sieht sie sich in einer Tradition mit dem afroamerikanischen Schriftsteller James Baldwin, der seine Romane in Paris und der Schweiz verfasst hat.

Zwischen Peking, London und New York ist das wiederum auf ihrem eigenen Label 1984 Records erschienene „Nephilim“ entstanden, zum Teil unter Mitwirkung des Beijing Philharmonic Orchestras. Auf ihrem Debüt „Bone Of My Bones“ von 2009 hatte die Sängerin, Schauspielerin und Produzentin mit dem charakteristisch widerständig-schrillen blonden Afro und den knallbunten Kostümierungen in einer fantastischen Art New Wave und Afrobeat überein gebracht. Als Jugendliche hatte sich Ebony Thomas, wie sie eigentlich heißt, für die Riot Grrrls begeistert. Von diesem Standpunkt her hatte sie sich auf „Behold, A Pale Horse“ von 2013 mit dem Discopop als Grundlage der heutigen Dancemusic beschäftigt.

Zensur ist für Ebony Bones nicht allein eine Sache, derentwegen man mit dem Finger auf die Autoritäten in Staaten wie China zeigen kann. So geht sie etwa davon aus, dass das Volk nicht genügend über die Kolonialzeit und ihre Folgen ins Bild gesetzt wird und es auch deshalb an einer Empathie gegenüber dem Schicksal von Flüchtlingen mangelt.

„Oh Leopold“ ist gerichtet an den belgischen König Leopold II., unter dessen Herrschaft der Kongo blutig kolonialisiert worden ist; die Zahl der Ermordeten wird auf zehn Millionen geschätzt. Das sich anschließende „Kids of Coltan“ thematisiert die menschenverachtenden Bedingungen, unter denen im Kongo der Rohstoff gewonnen wird, der eine fundamentale Grundlage für die Herstellung von Mobiltelefonen ist. „No Black in the Union Jack“ beginnt mit einem Sample aus der 1968 gehaltenen „Rivers of Blood“-Hassrede des Tory-Abgeordneten Enoch Powell wider eine vermeintlich bevorstehende Übernahme der Macht durch aufrührerische Migranten. Der einzige Coversong, Junior Marvins 1976 erschienenes und im Jahr darauf von The Clash eingespieltes „Police & Thieves“, wird von einem Kinderchor gesungen.

Auf Genres, hat Ebony Bones in einem Interview gesagt, wolle sie sich nicht festlegen lassen. In einem Art-Pop-Ansatz sucht sie sich ihre Mittel von Fall zu Fall. Dabei ist sie wiederum State of the Art – aber nicht hipsterhaft versessen, sondern weil sie etwas zu sagen hat, mit einer eindrucksvollen Konsequenz.

Ebony Bones: Nephilim. 1984 Records/Tunecore.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen