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Diskurspop Ich habe nichts erreicht außer dir, bitte bleib bei mir

Der fabelhafte Bernd Begemann dreht im Frankfurter Klub Das Bett auf.

Also, das erste Mal, dass ich ihn gesehen habe, das war damals... So sind die Gespräche vor dem Konzert von Bernd Begemann. Er hat nie das ganz große Publikum erreicht, dafür handelt es sich um eine Gemeinde, die dem „hardest working man“ im deutschen Indie-Showgeschäft über die Jahrzehnte treu bleibt; wohl kaum jemand wohl an diesem Abend im mittelgut besuchten Frankfurter Klub Das Bett, der ihn nicht schon etliche Male in seinen Konzerten war.

Für sein jüngstes Album, „Die Stadt und das Mädchen“, vor zwei Monaten herausgekommen, hat Begemann ein Dutzend Songs aus seinem Repertoire zu einem Liederzyklus um das „Fremd bin ich eingezogen...“ in der heutigen Großstadt kombiniert, nach Art des romantischen Lieds und mit Klavierbegleitung. Das ist ausgesprochen gelungen, und man würde es gerne auch auf der Bühne sehen. Stattdessen – einmal mehr Begemann solo.

Verschiedentlich hat er am großen Popentwurf mit einer üppigen Orchestrierung gearbeitet, durchaus mit Glück. Doch Begemann allein mit der elektrischen Gitarre, das gilt nach wie vor als seine persönliche Königsdisziplin.

Zur Einstimmung gibt es erst einmal Oldieperlen vom etwas windschief dandyesken Krawatten- und Jackett-Mann mit den Spagatposen. Bei Refrains und teilweise auch den Strophen singen fast alle mit. In Ratespiel-Einlagen vergibt Begemann eine gut sortierte Auswahl von Tonträgern, später rekrutiert er zwei junge Frauen aus dem Publikum – die ihre Sache ganz klasse machen! – als Backgroundchor und ernennt sie zu den „Begeletts“: Jeder Moment an diesem Abend ist in einer verschwitzten Art amüsant.

Das liegt natürlich vor allem an dem beredten Vortragsstil mit der leicht Rock’n’Roll-kieksigen und mit zunehmendem Alter häufiger ins räudig-raue übergehenden Stimme. Mal schmachteter, und mal eine verkniffene Wut darstellt. Die Extempores, die oft mehr Zeit als die Lieder einnehmen, hat Begemann zu einer eigenen Kunstform entwickelt. Oft handelt es sich um zwistige Dialoge unter Paaren. Selbstverständlich ist das Szenario samt legendärer Spieldauer von mehr als drei Stunden und einzelnen Songs als Quasi-Karaoke mit Bandarrangement bestens vertraut. Wenn gleichwohl nicht das Gefühl einer bloßen Wiederholung aufkommt, liegt das daran, dass Begemann eben auch viele neuere Titel spielt – die an Originalität mit den alten mithalten.

Wahre Gefühle und Ironie, das ist bei Bernd Begemann, der von den späten achtziger Jahren an mit seiner Band Die Antwort zu den Protagonisten der Hamburger Diskurspopschule gehörte, eine unzertrennliche Einheit. „Ich habe nichts erreicht außer dir/Bitte bleib bei mir/Denn das Beste an mir sind wir.“ Gleich wie komisch das ewig sprudelnde Songgenie sein mag, das lyrische Moment ist ein grundlegender Teil. Atmosphärisches fasst er in Songzeilen wie nur wenige andere. Mit 56 Jahren und einem Maß Fülligkeit steht er immer noch für einen gewissen Habitus des Postpubertären. Ohne Bruch, ohne Peinlichkeit. Da geht man gerne immer wieder hin.

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