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Deutsches Symphonieorchester Berlin Fingerspitzengefühl

Da saß er nun, der Neue, lächelte sein hintergründig-verschmitztes Lächeln und sagte, dass er sich freue auf sein Amt. Von der Saison 2012/13 an wird Tugan Sokhiev Chefdirigent des Deutschen Symphonieorchesters Berlin; er tritt die Nachfolge von Ingo Metzmacher an, der wegen mangelnder finanzieller Unterstützung demissioniert hatte.

06.09.2010 17:28
Jürgen Otten
Der neue Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, Tugan Sokhiev. Foto: ddp

Da saß er nun, der Neue, lächelte sein hintergründig-verschmitztes Lächeln und sagte, dass er sich freue auf sein Amt. Von der Saison 2012/13 an wird Tugan Sokhiev Chefdirigent des Deutschen Symphonieorchesters Berlin; er tritt die Nachfolge von Ingo Metzmacher an, der wegen mangelnder finanzieller Unterstützung demissioniert hatte. Sokhievs Vertrag läuft bis 2016, als designierter Dirigent steht er dem Orchester bei wichtigen Personalentscheidungen schon jetzt zur Verfügung.

Mit Sokohiev folgt auf den homme d’avantgarde Metzmacher ein dirigentischer Feingeist, dessen Repertoire-Schwerpunkt in der osteuropäischen und französischen Literatur des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts verankert ist. Wie zum Beweis dirigiert er im November beim DSO Werke von Bartók, Berlioz und Strawinsky.

Jedenfalls ein Könner. Sokhiev hat noch bei Ilya Musin studiert, dem Nestor der russischen Dirigentenschule; im Nachhinein bezeichnet er dies als das größte Glück, das ihm bislang widerfahren ist. Bei Musin hat er die Kunst der Leichtigkeit erlernt, die (seltene) Fähigkeit, alles mit den Händen zu machen, ohne übertriebene Gestik und Mimik, ohne herrische Attitüde. Wer ihn erlebt hat, weiß, dass Sokhiev diese Ästhetik verinnerlicht hat. Seine Bewegungen sind minimal, ungemein präzise, elegant und expressiv. Was das sprichwörtliche Fingerspitzengefühl angeht, zählt er zweifellos jetzt schon zu den Besten der Zunft.

Die Musiker des DSO haben das gespürt, als er hier im Dezember 2009 gastierte, just an jenem Abend, als die Fusionspläne des Intendanten von DeutschlandRadio ruchbar wurden. Willi Steul wollte die beiden Symphonieorchester der Rundfunk Orchester und Chöre Berlin (ROC) zusammenlegen und Marek Janowski, den Chefdirigenten des RSB, an der Spitze des dann zwangsvereinten Klangkörpers installieren. Nach starken Protesten ließ Steul den Plan unter den Tisch fallen.

Augen auf beim Musizieren

Entscheidend für Sokhievs Zusage dürfte gewesen sein, dass Steuls Plan dort auch bleibt. Ebenso die Tatsache, dass die zunächst gesperrten Haushaltsmittel für die ROC in Höhe von zwei Millionen Euro wieder freigegeben wurden. Damit wurde die Existenz des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin, des Rundfunkchores Berlin und des RIAS Kammerchores mittelfristig gesichert. Ohne die kurzfristige Freigabe hätte im schlimmsten Fall sogar eine Insolvenz der ROC gedroht.

Die ist vom Tisch, es gilt die Kunst. Und was das angeht, hat Tugan Sokhiev ziemlich konkrete Vorstellungen: Dirigieren, hat er einmal gesagt, sei zwar an sich ein ziemlich leichte Angelegenheit. Aber zugleich sei sie schwer zu realisieren, weil Musiker manchmal das spielten, was sie nicht sehen. Sokhiev, so weit darf man mutmaßen, wird dem DSO die Augen öffnen. Dies aber gewiss nicht immer auf die hintergründig-verschmitzte Art und Weise.

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